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Personalpolitik / MA-Rekrutierung

Anstand zahlt sich aus

Personalpolitik / MA-Rekrutierung
27. September 2015
Der VW-Konzern führt vor, dass Ethik und Moral in der Arbeitswelt dehnbare Begriffe sind
Der deutsche Automobilhersteller VW preist sich als „werteorientiertes Unternehmen“ an, dem der Umweltschutz am Herzen liegt. Der Abgas-Skandal entlarvt diese Worte als pures Marketing. Solche Firmen verlieren auch als Arbeitgeber an Glaubwürdigkeit.
 
Von Manuela Specker
„Für den Volkswagen Konzern gehört die Wahrnehmung gesellschaftlicher Verantwortung zum Kern der Unternehmenskultur“, lernen wir auf der firmeneigenen Homepage. VW informiert dort ausführlich über seine Projekte zur sozialen, ökonomischen und ökologischen Nachhaltigkeit, genannt CSR (Corporate Social Responsibility). In ihrem Vorwort zur Publikation „Verantwortung kennt keine Grenzen“ halten der mittlerweile zurückgetretene CEO Martin Winterkorn und Betriebsratschef Bernd Osterloh fest, dass mit dem Wachstum des Konzerns auch seine Verantwortung wachse, vor allem für eine „intakte Umwelt“. Auch der Nachhaltigkeitsbericht 2014 enthält salbungsvolle Worte: „Nachhaltigster Automobilhersteller zu sein heisst für uns, bei allem was wir tun, im Einklang mit der Umwelt und den Zielen zum Schutz des Klimas zu handeln.“ Alles nur heisse Luft. Denn mittlerweile ist bekannt geworden, dass der VW-Konzern im grossen Stil Abgas-Tests manipuliert hat.   
                            
Es scheint ein ungeschriebenes Gesetz zu sein: Je wohltätiger sich eine Firma gibt, je mehr sie ihre angeblichen „Werte“  anpreist, desto grösser die Wahrscheinlichkeit, dass diese Werte vor allem ein Marketingausfluss, aber keinesfalls gelebte Wirklichkeit sind. Das hat nicht mit bösartigen Absichten zu tun, sondern ist die logische Folge einer Ökonomie, die sich an reiner Gewinnmaximierung orientiert. Diese Form des Wirtschaftens kann zwar durchaus als Teil der sozialen Verantwortung gesehen werden, denn Gewinnmaximierung bedeutet ja auch mehr Arbeitsplätze und mehr Auswahl für Konsumenten.
 
Wenn allerdings ein Unternehmen Ethik und Moral instrumentalisiert, muss es mit Kollateralschäden rechnen. Dem deutschen Autobauer drohen nun Milliardenschäden durch mögliche Klagen, Strafgelder und Umsatzeinbussen - mit entsprechenden Auswirkungen auf die Zahl der Arbeitsplätze. Mittlerweile wird sogar spekuliert, ob dieser Skandal die Existenz von VW gefährden könnte. Der Konzern, der in Deutschland unter Ingenieuren, Informatikern und Wirtschaftswissenschaftlern zu den beliebtesten Arbeitgebern gehört,  wird zudem ausgerechnet für jene Arbeitnehmenden weniger attraktiv, die sich an Werten wie Fairness, Transparenz und Nachhaltigkeit orientieren.
 
Immer mehr Arbeitnehmende sind wieder auf der Suche nach Sinn in der Arbeit. Eine Umfrage von IBM unter weltweit 3600 Studierenden und Vorgesetzten zeigt, dass der aktuelle und künftige Manager-Nachwuchs gewillt ist, nachhaltiger und gerechter zu agieren. Das hat nichts mit Gutmenschentum zu tun, sondern mit der Erkenntnis, dass nachhaltiger Erfolg, also über Generationen hinweg, für ein Unternehmen nur möglich ist, wenn es die Werte, die es predigt, tatsächlich lebt.
 
Alleine aus Gründen der Vernunft lohnt es sich, wieder mehr auf Taten statt Worte zu schauen und in grösseren Zusammenhängen zu denken. Die meisten sind schliesslich nicht nur Konsumenten, sondern auch Arbeitnehmer.  Das führt zwangsläufig zu Interessenkonflikten. Als Arbeitnehmer beispielsweise haben wir ein Interesse an anständigen Arbeitsbedingungen und guten Löhnen. Als Konsumenten wollen wir möglichst tiefe Preise. Und als Bürger wünschen wir uns eine intakte Umwelt. Peter Ulrich, bis 2009 Inhaber des Lehrstuhls für Wirtschaftsethik an der Universität St.Gallen, hat die Orientierung am Gewinnprinzip, die als Dienst am Gemeinwohl verkauft wird, schon lange als Farce entlarvt. Er spricht von „Nirwana-Ökonomie“.
 
Unternehmerische Eigeninteressen mit philanthropischen Motiven zu verbinden war in einer rein auf Gewinn orientierten Wirtschaft vermutlich schon immer eine Illusion. Das sollten eigentlich gerade auch die VW-Manager wissen, wenn sie behaupten: „Verantwortliches Handeln ist seit jeher Teil unserer Unternehmenskultur“. Vielleicht ist etwas Nachsicht angebracht. Die hochrangigen Manager hatten bestimmt viel um die Ohren, was die Vergesslichkeit fördern kann. 2005 war der VW-Konzern nämlich schon einmal negativ in den Schlagzeilen. Damals ging es um eine Korruptionsaffäre. Verantwortliches Handeln kann also unmöglich schon immer Teil der Unternehmenskultur gewesen sein.
 
Es ist kein Zufall, dass vor allem Traditionsbetriebe, die noch in Familienhand sind, die Orientierung an Nachhaltigkeit nicht nur predigen, sondern auch leben. Das sind vor allem Unternehmen, die nicht den nächsten Quartalsabschluss vor Augen haben müssen, sondern ihr Schaffen auf Generationen hinweg auslegen. Ein Beispiel dafür ist der Biscuit-Hersteller Kambly in Trubschachen (BE). Er hat in diesem Jahr beim Schweizerischen Arbeitgeber-Award in der Kategorie „Mittelgrosse Unternehmen“ einen der vorderen Plätze belegt und schneidet bei Umfragen zur Mitarbeiterzufriedenheit regelmässig hervorragend ab. Kambly darf mit Fug und Recht behaupten, im Einklang mit Natur und Umwelt zu produzieren, setzt die Firma doch in ihrer Produktion zu einem grossen Teil auf Zutaten aus der Region. Und sie ist in ihren Zielen um einiges bescheidener als VW. In seiner Konzernstrategie 2018 gab VW bekannt, zum nachhaltigsten Automobilunternehmen und attraktivsten Arbeitgeber der Branche werden zu wollen.

Foto: Thinkstock

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