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Führung

Arbeit ausser Kontrolle

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24. Oktober 2013
Der Karriereberater und Buchautor Martin Wehrle über die Tücken der Vertrauensarbeitszeit.
Martin Wehrle prangert in seinem neuen Buch den Hang zur Selbstausbeutung an. Er zeigt Wege aus dem Hamsterrad auf.
 
Von Manuela Specker
 
Voller Stolz verkündete die Firma, sie habe einen „wichtigen Schritt in der Burn-out-Prävention eingeleitet“. Den Mitarbeitenden standen fortan eine Diplompsychologin und eine Burn-out-Expertin zur Seite. Sie erteilten wertvolle Ratschläge. Zum Beispiel, auch einmal „Nein“ zu sagen, um sich vor dauerhafter Überforderung zu schützen. Als einige Tage später die Grafikdesignerin Katja Voigt den Ratschlag umsetzen wollte, musste sie sich von ihrem Vorgesetzten eine Standpauke anhören.

Dieses Beispiel aus dem neuen Buch von Martin Wehrle ist symptomatisch für die Verhältnisse am Arbeitsplatz. Nicht einmal ein fix definiertes Maximum an wöchentlicher Arbeitszeit schützt vor Ausbeutung: „Die Spielregeln eines Unternehmens werden nicht durch den Arbeitsvertrag, sondern durch die Praxis festgelegt“, bringt es der Karriereberater auf den Punkt. „Wer pünktlich Feierabend macht, macht sich heute verdächtig“.

Dabei wäre in der Schweiz von der Pflicht zur Arbeitszeiterfassung nur befreit, wer freiberuflich tätig ist oder zum obersten Kader gehört. Doch in immer mehr Firmen hat sich in den letzten Jahren die so genannte Vertrauensarbeitszeit durchgesetzt  - zu ungunsten der Arbeitnehmenden, wie unter anderem ein Pilotprojekt in der Bankenbranche zeigte. In einigen Bankfilialen wurde bewusst auf die Arbeitszeiterfassung verzichtet. Idee dahinter war, dass sich Angestellte trotzdem an die vertragliche Arbeitszeit halten und die Überstunden kompensieren. Wie sich herausstellte, arbeiteten sie viel mehr, ohne Anspruch auf Kompensation anzumelden. Die meisten Mitarbeitenden neigen also zur Selbstausbeutung und müssten eigentlich vor sich selbst geschützt werden. Doch heute arbeitet in der Schweiz bereits ein Sechstel ohne Arbeitszeiterfassung.

Der Arbeitswahn scheint das Ergebnis eines Dressuraktes zu sein, mit dem Gespenst der Kündigung, das durch die Arbeitsflure jagt, mit dem permanenten Veränderungsdruck, aber auch mit der Beförderungspraxis - beachtet wird, wer sich besonders in Zeug legt und jederzeit erreichbar ist, obwohl dies noch nichts über die Qualität der Arbeit aussagt. Mitunter bleibt den Angestellten gar nichts anderes übrig, als latent zu viel schuften, weil sich die Arbeit auf immer weniger Köpfe verteilt. Firmen sind grosszügig bei Terminzusagen, aber geizig beim Personal, lautet das provokative Fazit von Martin Wehrle. Die grosse Stärke seines Buches liegt darin, dass er die Firmen in die Verantwortung nimmt, aber zugleich die Mitarbeitenden nicht als wehrlose Opfer darstellt: Der Arbeitswahn ist zu einem grossen Teil auch selber verschuldet.  Eines der Hauptprobleme ortet Wehrle darin, dass viele die Ansprüche der Firma zu ihren eigenen machen, ohne Rücksicht auf ihre tatsächlichen Bedürfnisse.  So manch einer eifere Idealen nach, die seine eigenen gar nicht sind. So wird in der eigenen Wahrnehmung die Berufsleistung zur Lebensleistung. Doch „wer seinen Wert nur aus der Arbeit bezieht, macht sich selbst zum Arbeitsesel“. Es ist dieser fatale Hang, es allen recht machen zu wollen, der Arbeitnehmende daran hindert, rechtzeitig die Handbremse zu ziehen. Das hat auch mit dem Gruppendruck zu tun: wenn alle anderen regelmässig Überstunden machen, ohne diese zu kompensieren, kommt sich geradezu faul vor, wer nichts anderes tut, als sein Recht einzufordern. „Statt gemeinsam für bessere Arbeitsverhältnisse zu kämpfen, kommen die Mitarbeiter als Einzelkämpfer daher“, wundert sich Martin Wehrle. Das erstaunt ihn umso mehr, weil Firmen auf Wissensarbeiter angewiesen sind. Wer es nicht verstehe, sie zu halten, sei in Zeiten geburtenschwacher Jahrgänge dem Untergang geweiht.

Auch einmal „Nein“ zu sagen, mit dem Hinweis, die Arbeitslast sei zu gross, braucht Mut, wie nicht zuletzt das Anfangsbeispiel zeigt.  Aber mit Faulheit hat das sicher nichts zu tun. Genau genommen tut man sogar der Firma einen Gefallen, weil Motivationsdämpfer wegen zu viel Stress oder gar gesundheitlich bedingte Ausfälle enorme Kosten nach sich ziehen. „Wer sich vor Überforderung schützt, schützt letztlich die Firma“, so Wehrle. Dumm nur, wenn Arbeitnehmer mit dieser Erkenntnis dem Unternehmen einen Schritt voraus sind.

Das Wichtigste ist und bleibt die innere Einstellung: nur wer das Selbstwertgefühl nicht alleine aus der Arbeit bezieht, wird auch den nötigen Mut aufbringen, eigene Grenzen zu setzen und diese zu verteidigen. „Karoshi“ (Tod durch Überarbeiten), soviel sei zur Abschreckung noch gesagt, ist kein Phänomen mehr, dass sich auf Japan begrenzt. Im August verstarb bei der Investmentbank Bank of America ein 21jähriger deutscher Praktikant, vermutlich aus Erschöpfung. Er arbeitete 100 Stunden pro Woche.
 
Martin Wehrle: Bin ich hier der Depp? Wie Sie dem Arbeitswahn nicht länger zur Verfügung stehen. Mosaik Verlag, 2013
 

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