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Bewerbung / Neuorientierung

«Bewerber brauchen mehr Mut»

Bewerbung / Neuorientierung
09. Dezember 2012
Viele Jobs werden unter der Hand vergeben. Karriereberaterin Svenja Hofert über Strategien

Wie sich Bewerbende auf dem verdeckten Stellenmarkt in Position bringen – und weshalb unternehmerisches Denken dabei von Vorteil ist.
- von Manuela Specker -
Schätzungsweise zwei Drittel aller Stellen werden gemäss Ihren Angaben nie ausgeschrieben. Wie kommen Sie auf diesen hohen Anteil?

Svenja Hofert*: Ich beobachte das in meiner Beratungstätigkeit und mache diese Tendenz vor allem bei KMU fest. Bei grösseren Firmen werden die Stellen zwar prinzipiell ausgeschrieben, aber es kommt sogar dann vor, dass sie schon vergeben sind. Es tut sich also einiges auf dem verdeckten Arbeitsmarkt.

Wenn vor allem KMU die Stellen unter der Hand vergeben, müssen sich Jobsuchende etwas einfallen lassen.

Ja, denn die besten Arbeitgeber sind oft jene, über die kaum gesprochen wird und die kaum in der Presse auftauchen. Menschen tendieren dazu, sich an Dingen zu orientieren, die sie kennen, und das gilt eben nicht nur für Marken, sondern auch für Firmennamen. Doch wie sich dann herausstellen kann, sind die unbekannten Firmen oft die attraktiveren Arbeitgeber, sei es, weil sie eine höhere Stabilität, ein besseres Arbeitsklima oder flachere Hierarchien mit mehr Gestaltungsfreiraum bieten.

Wie bringt sich ein Jobsuchender am besten in Position, wenn viele Stellen über Empfehlungen und Netzwerke statt auf ein Inserat vergeben werden?

Es geht darum, sich als Bewerber sichtbar zu machen und Netzwerke zu schaffen. Das Internet ist heute ein probates Mittel dafür, indem man beispielsweise seine Expertise auf einem Blog unter Beweis stellt oder sich entsprechend auf Social-Media-Plattformen vermarktet. Auch kann es sich lohnen, vor dem Zustellen der Unterlagen bei der Firma vorstellig zu werden. Oft ist es leider so, dass das, was man anzubieten hat, nicht zu 100 Prozent auf ein Stellenprofil passt. Da hat man einen ganz anderen Stand, wenn man die eigenen Vorzüge vermitteln kann, als wenn der Arbeitgeber aus dem Lebenslauf herauslesen muss, ob der Kandidat zur Firma passt.
 
Viele Bewerber fühlen sich nun aber fälschlicherweise noch immer als Bittsteller?

Das ist tatsächlich so, Bewerber brauchen mehr Mut. Allerdings findet vor allem bei den Jüngeren ein Umdenken statt. Sie sehen sich als gleichwertige Geschäftspartner, und sie gehen auch nicht davon aus, zwanzig Jahre lang beim gleichen Arbeitgeber tätig zu sein.

Ihrer Erfahrung nach nehmen viele Karrieren im Internet ihren Anfang. Wie sollen die Introvertierten damit umgehen? Sich anzupreisen, ist nicht jedermanns Sache.

Erstaunlicherweise blühen viele Introvertierte im Internet auf. Ihnen fällt es dort viel leichter, auf sich aufmerksam zu machen als beispielsweise auf einer Messe, wo der Lärmpegel sehr hoch ist und man mit mehreren Leuten kommuniziert. Aber natürlich ist es nicht jedermanns Sache, auch im Internet um seine eigene Person einen Rummel zu machen. Hier geht es darum, die richtige Balance zu finden.

Sollten Bewerber mehr unternehmerisches Denken mitbringen?

Genau. Im besten Fall schafft man sich den Traumjob gleich selber und überzeugt den Wunscharbeitgeber, dass es diesen Job braucht. Ich habe es oft erlebt, dass jemand in seinem Interessensbereich einen Verein gegründet hat und dadurch zu einem Job gekommen ist. Oder jemand heuert für eine begrenzte Projektarbeit an, die danach in eine Festanstellung mündet. Es geht letztlich darum, den Wunschunternehmen kreative Vorschläge zu machen, wie man von Nutzen sein könnte, anstatt zu warten, bis ein Stelleninserat erscheint, dessen Profil dann womöglich nicht mit den eigenen Merkmalen übereinstimmt. Im Idealfall schafft ein Unternehmen eine passende Stelle für den Wunschkandidaten, aber dafür muss man schon über ein sehr interessantes Profil verfügen. Wer selber Ideen entwickelt, wie er sich einbringen kann, kommt diesem Ziel schon einen Schritt näher. Voraussetzung dafür ist, dass man seine Stärken genau kennt und weiss, in welche Richtung es beruflich gehen soll.

Was ist denn bei der Personalauswahl das entscheidende Kriterium?

Die Sympathie spielt eine ganz entscheidende Rolle, nur gibt das kaum jemand zu. Es kommt allerdings immer wieder vor, dass jemand gesucht wird, der ganz bestimmte Fähigkeiten mitbringt, doch am Ende wird dann die Stelle ein Stück weit jenem Kandidaten angepasst, der sympathisch rüberkam. Gerade grössere Firmen versuchen, über Assessments und Eignungsdiagnostik die Passfähigkeit eines Kandidaten zu ermitteln. Ich behaupte aber, dass der Sympathiebonus am Ende immer stärker ist.

Lohnt es sich denn überhaupt heutzutage noch, selber ein Stellengesuch aufzugeben?

Je nach Arbeitsbereich funktioniert das nach wie vor sehr gut. Assistenz- und Sekretariatsaufgaben beispielsweise, die sich vielerorts ähneln, werden oft auf diesem Weg vergeben. Je spezialisierter jemand ist, desto geringer sind wohl die Chancen. Grundsätzlich würde ich aber diese Möglichkeit nicht von vornherein ausschliessen.

* Die Beraterin und Buchautorin Svenja Hofert ist auf neue Formen der Karriere spezialisiert.

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