Falscher Kult ums Scheitern

Führt der Weg in den Erfolg tatsächlich über die Niederlage? Zeit für ein paar Einwände.

 

Bewerbung / Neuorientierung
Veröffentlicht am 08.09.2018 von Manuela Specker - Bildquelle: Thinkstock

Richard Branson hat gut reden. „Jeder Mensch, vor allem jeder Unternehmer, muss Scheitern mit offenen Armen empfangen, denn wir lernen nur durch Fehler“, lautet eine der Weisheiten des Milliardärs und Virgin-Gründers. Es sind vor allem steinreiche und erfolgreiche Menschen, die den Eindruck vermitteln, der Weg an die Spitze führe zwangsläufig über Niederlagen. Ein besonders fruchtbares Biotop, um den Kult des Scheiterns zu pflegen, ist das Silicon Valley. Gerne wird auch ganz allgemein auf Amerika verwiesen, wo Menschen auf die Nase fallen können, ohne stigmatisiert zu werden. Dass sie aber oft nicht mehr die Möglichkeit haben, in irgendeiner Form aufzusteigen, wird gerne verschwiegen. Stattdessen wird der Mythos vom Tellerwäscher gepflegt, der es bis zum Millionär schaffen kann. Ja, es gibt sie, die Stehaufmännchen, die Niederlage an Niederlage einstecken und unerbittlich am Ziel festhalten. Aber kaum jemand spricht von jenen, die ein Leben lang an ihrem wie auch immer gearteten Scheitern und der damit verbundenen Demütigung zu nagen haben.

Scheitern als Chance. Genau genommen ist diese Plattitüde ein Plädoyer gegen das Scheitern, impliziert sie doch: Scheitern ja, aber nur, wenn etwas Gescheites draus wird. Das macht die Situation für die Gescheiterten nur umso schlimmer – und es wird ihnen gleichzeitig vermittelt, Erfolg und Misserfolg seien alleine eine individuelle Angelegenheit. Und nicht etwa, zur richtigen Zeit am richtigen Ort zu sein, die richtigen Leute zu kennen, über ein grosses finanzielles Polster zu verfügen etc. Denn wenn es darum geht, „Scheitern als Chance“ darzustellen, werden selbstverständlich immer die Erfolgreichen herausgepflückt und nicht die, die ebenfalls gescheitert sind und nicht die Chance haben, es nochmals zu versuchen.

Der Kult ums Scheitern ist längst in hiesigen Firmen angekommen. Es kommt sogar vor, dass Bewerberinnen und Bewerber nach ihrer grössten Niederlage gefragt werden, und was sie daraus gelernt haben – in der Annahme, dass ihnen der gleiche Fehler garantiert nicht nochmals widerfährt. Auch Veranstalter von Seminaren unter Titeln wie „Scheitern als Chance“ beklagen sich selten über mangelnden Zulauf. Scheitern soll die Persönlichkeit formen, die Menschen weiser und reifer machen für künftige Herausforderungen. Gerne propagieren moderne Unternehmen auch die Fehlerkultur, selbst wenn im Ernstfall der Fehlerhafte oder der Überbringer einer schlechten Botschaft über die Klinge springen muss und sich das Bekenntnis zur „Fehlerkultur“ als blosse Rhetorik entpuppt.   

Scheitern ist also nur dann kein Tabu in unserer Gesellschaft, wenn am Ende die Erfolgsstory steht. Für alle anderen heisst es: schweigen und erdulden. Die Betroffenen fühlen sich durch den Kult ums Scheitern stark unter Druck, Rückschläge so schnell wie möglich wegzustecken oder gar zu verbergen. So kommt es immer wieder vor, dass jemand, der seinen Job verliert, dies erst einmal in seinem Umfeld verheimlicht. Der Fehler im Scheitern-Kult liegt schon darin, dass dezidiert zwischen Erfolgreichen und Nichterfolgreichen unterschieden wird; als ob es kein Dazwischen gäbe. Er ist so gesehen auch Ausfluss einer Gesellschaft, die stark auf Leistung und Wettbewerb gepolt ist.   

Welche seltsamen Blüten die Umkehr des Scheiterns vom Negativen ins Positiven treibt, zeigt sich nicht zuletzt in den Themen, in denen es um die eigene Gesundheit geht. Gesundheitsapostel verkünden gerne, Krankheiten liessen sich vermeiden, wenn man sich denn richtig verhalte: gesund essen, viel bewegen etc. Auch hier verschlimmert diese positiv-verschleiernde Sichtweise die Situation für die Betroffenen, da sie am Ende das Gefühl haben, selber an ihrer Krankheit schuld zu sein. Als ob sich der Zufall, das Erbgut oder einfach das Schicksal einfach so austricksen lassen.  

Ob aus dem Scheitern am Ende tatsächlich eine Erfolgsstory wird, hängt nicht zuletzt damit zusammen, wie es um die eigene Widerstandskraft steht. Die einen können schon einen Tag nach einem Jobverlust voller Elan neue Bewerbungen schreiben, während andere mehrere Monate lang wie gelähmt sind. Für alle gilt: sich präventiv nie zu stark auf den Erfolg einstellen, sondern immer auch mit dem Scheitern rechnen, dass in jedem Streben nach Erfolg angelegt ist. Und: bei allem Ehrgeiz nicht vergessen, das soziale Netzwerk zu pflegen. Denn das hat man am nötigsten, wenn der Applaus ausbleibt.