Mehr als nur ein Bauchgefühl

Emotionen am Arbeitsplatz sind eine heikle Angelegenheit. Ob sie schaden oder nützen, hängt noch immer vom Geschlecht ab.

 

Karriere allgemein
Veröffentlicht am 02.06.2018 von Manuela Specker - Bildquelle: Thinkstock

Ein neuer Trend hat die Arbeitswelt erfasst. Mitarbeitende besuchen „Achtsamkeitsseminare“, Führungskräfte werden auf Mitgefühl getrimmt – und über allem schwebt der Anspruch nach Authentizität. Ein Konzept, dass allerdings selten mit der Realität übereinstimmt. Geht es um Emotionen am Arbeitsplatz, blühen nämlich uralte Geschlechterklischees auf, die da lauten: Ein Chef, der wütend ist und auf den Tisch haut, gilt als durchsetzungsstark und engagiert. Erlaubt sich eine Chefin dieses Verhalten, gilt sie als aggressiv, überfordert und ungeeignet für eine Führungsposition.

Das Idealbild ist nach wie vor der kühle, rationale und kompetitive Angestellte. Es sind dies Eigenschaften, die vor allem dem Mann zugeschrieben werden, während die Frau als sozial und aufopferungsvoll gilt. „Der Mann passt also seinem Stereotyp nach sehr gut in die Arbeitswelt. Bei der Frau ist das nicht so“, erläutert Hans-Georg Wolff, Professor für Organisations- und Wirtschaftspsychologie, in der „Süddeutschen Zeitung“.  Dem Klischee nach als "weiblich" geltende Gefühle wie Traurigkeit würden deshalb eher als unpassend für den Arbeitsplatz wahrgenommen als "männliche" Gefühle wie Wut.

Wie wirkungsmächtig solche Geschlechterklischees noch immer sind, zeigt sich gerade in Vorstellungsgesprächen. Vor allem Frauen werden oft explizit danach gefragt, wie durchsetzungsfähig sie sind, während diese Eigenschaft bei Männern eher vorausgesetzt wird. Treten die Chefinnen dann tatsächlich forsch und je nach Situation sogar mit einer Prise Aggressivität auf, ist das dann aber auch nicht wieder nicht recht. Dieses Dilemma kennt jede Frau, die sich der Karriere wegen den Regeln der Männer anpasst, welche die oberen Positionen bekleiden, und die am Ende doch nie ganz ernst genommen wird.

Dass die Geschlechterklischees in der Arbeitswelt subtil weiterleben, ist also alles andere als ein Bauchgefühl. Hans-Georg Wolff macht sich diesbezüglich keine Illusionen: der Weg zu einer Gleichberechtigung auf dieser subtilen Ebene setzte voraus, dass auch im familiären Umfeld vermehrt an den traditionellen Rollenbildern gerüttelt würde. So seien es noch oft die Mütter, welche die emotionale Arbeit leisteten. „Erst wenn man von der Kindheit bis ins Berufsleben nicht mehr solche einseitigen Erfahrungen macht, werden sich auch die Erwartungen an die Geschlechter verändern“, so Wolff. Das sei zwangsläufig ein zäher, langsamer Prozess.

Bevor dieser Zustand erreicht ist, bleiben Emotionen am Arbeitsplatz eine zweischneidige Sache. Das gilt nicht nur bei Wut, sondern auch, wenn Tränen fliessen. Der weinende Mann ist ebenfalls nicht gerne gesehen, aber er hat es einfacher als die wütende Frau, da seine Emotionen eher auf äussere Umstände zurückgeführt werden. Bei einer Frau hingegen gilt das Weinen oft als unveränderbares Persönlichkeitsmerkmal. So gesehen können Emotionen am Arbeitsplatz von Männern auch eher instrumentalisiert werden. Eine Erhebung unter 1050 britischen Angestellten legt dies nahe: Demnach seien es vor allem Männer, die ihren Vorgesetzten private Dinge anvertrauen, um eine schlechtere Leistung zu rechtfertigen. Aber abgesehen davon, dass Emotionen von allen Seiten gezielt und berechnend eingesetzt werden können, um etwas zu erreichen: sie sind in irgendeiner Form immer vorhanden. Auch vermeintlich sachliche Entscheide haben in der Regel eine emotionale Komponente; Vernunft und Gefühl sind nicht voneinander getrennt, sondern beeinflussen sich gegenseitig. Und wo Menschen zusammenarbeiten, menschelt es nun mal. Das zeigt sich nicht zuletzt daran, dass in der modernen Arbeitswelt uralte Geschlechterklischees noch nicht ausgerottet sind.

 

Weitere Artikel