Video als Bewerbungskanal

Dass die Bewerbung der Zukunft wirklich (nur noch) per Video abläuft, ist aus heutiger Sicht eher unwahrscheinlich. Dennoch birgt der grundsätzlich wichtiger werdende audiovisuelle Kanal auch im Recruiting ein großes Potenzial.

Bewerbung / Neuorientierung
Veröffentlicht am 28.01.2019 von myjob.ch - Bildquelle: iStock

Man stelle sich vor, der oder die ideale Bewerberin auf eine Stelle ist just zu dem Zeitpunkt, als er oder sie zum persönlichen Gespräch eingeladen wird, auf dem Weg zum Flughafen. Es steht ein dreiwöchiger Urlaub an – doch die Stelle sollte in vier Wochen besetzt werden. Anstatt zu resignieren und die – rein auf die Bewerbungsunterlagen bezogen – zweitbeste Person zu engagieren, bietet sich im Jahr 2019 noch eine Möglichkeit: Man vereinbart ein Videogespräch, etwa per Skype oder WhatsApp.

Sehr wahrscheinlich wird sich der Bewerber dafür nicht in Schale werfen können, und statt mit Anzug und Krawatte vielleicht im Hawaii-Hemd in die Kameralinse seines Smartphones blicken. Das bietet wiederum dem Recruiter bzw. dem HR-Team auf der anderen Seite einen besonderen Einblick in die Persönlichkeit des potenziellen Mitarbeitenden: Von der Wahl der Urlaubs-Destination über die Flexibilität und das Organisationstalent der Person bis hin zum Grad der (sichtbaren) Entspanntheit lassen sich einige Schlüsse ziehen. Und auch der Umgang mit Stress lässt sich schon ein wenig beurteilen, falls z.B. die Internet-Verbindung nicht ganz astrein funktioniert.

Chancen und Hürden
Da heutzutage schon fast jeder Mensch ein Smartphone und damit auch eine Kamera mit ordentlicher Video-Auflösung und zumindest passablen Audio-Eigenschaften besitzt, könnte man auf die Idee kommen, Bewerbungsprozesse überhaupt auf Video umzustellen. Zu bedenken ist dabei, dass auf Bewerberseite damit der Aufwand nicht zwingend sinkt. Wer ein Bewerbungsvideo dreht, wird in den meisten Fällen eine ruhige Umgebung suchen – da stört der heimwerkende oder Rasen mähende Nachbar schon deutlich mehr, als wenn nur ein E-Mail abzusetzen ist.

Auch stellt das Videoformat für viele Menschen eine Hürde dar: Der eine sieht sich nicht gerne selbst im (Bewegt-) Bild, die andere hat Bedenken wegen eines Schnupfens samt belegter Stimme. Zudem stellt sich die Frage des Formats: Wer sich fürs Fernsehen bewirbt, dürfte zumindest grundlegende Videoschnitt-Fähigkeiten besitzen. In anderen Berufsfeldern, aber auch mit zunehmendem Alter sinkt diese Wahrscheinlichkeit dann doch wieder ein wenig.

Eine Frage des Vertrauens
Am Ende ist auch zu überlegen: Wer sieht sich die ganzen Videos an – und was passiert auf lange Sicht damit? Zwar wird ein Dienstgeber Vertrauen in die Mitarbeitenden der Personalabteilung haben. Aber potenzielle Dienstnehmer denken vielleicht: „Was ist, wenn mein Video an irgendeiner anderen Stelle auftaucht?“ – und fühlen sich verunsichert, bis hin zum Verzicht auf eine Bewerbung.

Die Möglichkeiten der Videobewerbung müssen in diesem Sinn erst noch eruiert – und die Grenzen dieser Möglichkeiten definiert werden.