Vorgesetzte kritisieren ist ein Balanceakt

Den eigenen Vorgesetzten zu kritisieren ist ein Balanceakt. Worauf kommt es an?

Personalpolitik / MA-Rekrutierung
Veröffentlicht am 28.07.2018 von Manuela Specker - Bildquelle: Thinkstock

Eigentlich müssten sie in der Beliebtheitsskala weit oben stehen: die Angestellten, die es wagen, gegenüber ihren Vorgesetzten konstruktive Kritik anzubringen. Denn ganz offensichtlich denken sie mit und geht es ihnen um mehr als nur Dienst nach Vorschrift.  

Die Realität schaut freilich anders aus. Jene, die auch einmal Unangenehmes aussprechen und den Vorgesetzten den Spiegel vorhalten, müssen damit rechnen, ins Abseits zu geraten.  Und das nicht unbedingt, weil der Vorgesetzte das Feedback nicht zu schätzen wüsste, sondern weil sich andere Mitarbeitende reflexartig entsolidarisieren, um nicht in den Verdacht zu geraten, mit dem Nestbeschmutzer unter einer Decke stecken. Vor allem in Firmen, wo der Konkurrenzdruck unter den Angestellten hoch ist, ist solches Verhalten zu beobachten.  Vielleicht hat die Scheu, Kritik anzubringen, auch mit dem irgendwo noch vorhandenen Wissen zu tun, dass in früheren Zeiten die Überbringer der schlechten Nachrichten geköpft wurden.

Heutzutage aber schätzen es insgeheim viele Chefs, wenn ihnen jemand den Spiegel vorhält. Denn je höher in der Hierarchie, desto grösser in der Regel die Einsamkeit. Ihnen bleibt nicht verborgen, dass es sich die meisten nicht mit hierarchisch höher gestellten verscherzen wollen und demzufolge mit ihrer ehrlichen Meinung zurückhaltend sind. Wer hier auf faire Art und Weise die Vorgesetzten darauf aufmerksam macht, wenn etwas nicht gut läuft oder gar aus dem Ruder zu laufen droht, gewinnt langfristig an Ansehen. Und das ist allemal besser, als Kritik am Chef, an der Chefin hinter vorgehaltener Hand anzubringen oder mit Arbeitskollegen zu lästern.

Eine faire Feedbackkultur setzt gegenseitige Wertschätzung voraus sowie eine gewisse Fähigkeit zur Selbstreflexion. Wo sich der Chef als König gebärdet, wo er sich für unfehlbar und allwissend hält, kann ein Mitarbeiter, der Kritik anbringt, nur verlieren und muss er am Ende sogar damit rechnen, den Job zu verlieren.

Ein Unternehmen, dass wenig auf Kritik und Feedback setzt und stattdessen ein Klima der Angst verbreitet, ist allerdings alles andere als zeitgemäss. Gerade jüngere Arbeitskräfte halten nicht viel von Hierachiedenken und finden es selbstverständlich, dass sich Vorgesetzte und Mitarbeitende ohne Führungsfunktion auf Augenhöhe begegnen. Aber auch in einem offenen, modernen Arbeitsklima lauern zahlreiche Fettnäpfchen, wenn es darum geht, hierarchisch höher gestellte Menschen zu kritisieren. Ein paar Tipps:   

  • Kritik an Vorgesetzten nicht öffentlich, sondern unter vier Augen anbringen, um einen Gesichtsverlust zu vermeiden.
     
  • Explizit einen Gesprächstermin vereinbaren und die Person nicht zwischen Tür und Angel überfallen
     
  • Nicht werten, sondern die eigenen Eindrücke und Beobachtungen schildern. Begründete Kritik sollte sachlich und überlegt sein, nicht spontan oder emotional. Es kann und soll aber durchaus darauf eingegangen werden, was das kritisierte Verhalten bei einem auslöst
     
  • Immer auch versuchen, sich in die Perspektive des Vorgesetzten zu denken und die eigene Kritik von dieser Warte aus reflektieren
     
  • Die Kritik lösungsorientiert anbringen, und nicht im Sinne einer Schuldzuweisung oder Provokation. Wenn sie als persönlicher Angriff daher kommt, wird sie ihre Wirkung verfehlen. Konkret bedeutet dies: Nie nur sagen, was einem nicht passt, sondern wie es künftig besser laufen könnte.
     
  • Konkrete Beispiele nennen und Verallgemeinerungen oder Rechthaberei vermeiden. Niemand ist im Besitz der Wahrheit. Was einen stört, ist immer auch eine Frage der persönlichen Sichtweise.
     
  • Kritik kommt immer besser an, wenn das Feedback auch ehrlich gemeinte lobende Worte enthält
     
  • Man stösst eher auf offene Ohren, wen aufgezeigt wird, inwiefern die Kritik auch dem Wohl des Unternehmens dient
     
  • Aufzeigen, welche Vorteile sich für den Vorgesetzten ergeben können, wenn er die Kritik ernst nimmt
     
  • Kritik besser mündlich als schriftlich anbringen. Es soll schliesslich ein Austausch stattfinden über die angesprochenen Punkte
     
  • Sich nicht als Rädelsführer gebärden und Dinge sagen wie: Meine Arbeitskollegen und ich finden, dass….