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15. Mai 2016
Wie die Krise in der Lebensmitte eine berufliche Chance darstellen kann
 
Die Midlife-Crisis macht auch vor dem Berufsleben nicht halt. In dieser Phase des Umbruchs empfiehlt sich eine Taktik der kleinen Schritte.
 
Von Manuela Specker
Sie ist gefürchtet, wird oft belächelt oder verharmlost: die Midlife-Crisis. Dabei liegt es auf der Hand, dass die Lebensmitte alleine aufgrund ihres symbolischen Gehalts dazu animiert, bestehende Gewohnheiten in Frage zu stellen. Im beruflichen Alltag kann dies bedeuten, andere Werte in den Vordergrund zu stellen. Zum Beispiel mehr Autonomie, Freizeit und Privatleben anstatt Fremdbestimmung und 12-Stunden-Arbeitstage. Aber auch wer schon immer ganz auf die Karte beruflicher Erfolg gesetzt hat, kann mit 40 das böse Erwachen erleben. Mit der Erkenntnis nämlich, dass es eben doch nicht gereicht hat und andere im Rennen um die besten Jobs einen Tick schneller und geschickter waren. Die Möglichkeiten schwinden, die Kräfte lassen nach – das muss man erst einmal verdauen.
 
So gesehen ist die Lebensmitte für viele ein grosser Antrieb, sich neu zu orientieren. Das verunsichert und ist oft der Auslöser für die berühmte Sinnkrise. Denn die Lebensmitte ist ausgerechnet jene Phase, in der viele Menschen gleich auf mehreren Ebenen (Familie, Kinder, Haushalt, Karriere) am stärksten gefordert sind.
 
Wissenschaftler der Universität Warwick konnten aufzeigen, dass die Jahre um die 40 herum für viele Menschen tatsächlich am schwierigsten sind. Die soeben im Economical Journal veröffentlichte Untersuchung beobachtete Glück und Wohlbefinden quer durch verschiedene Lebensphasen und Regionen. 50’ 000 Erwachsene in Australien, Grossbritannien und Deutschland hatten über viele Jahre hinweg Fragebögen zu ihrer jeweiligen Zufriedenheit ausgefüllt. Am zufriedensten scheinen die Menschen demnach in jungen Jahren zu sein, oder dann wieder ab 55. Die Studienautoren erklären sich dies unter anderem damit, dass an beiden Enden des Lebens die Verantwortungen generell geringer seien.
 
Die Kunst besteht darin, in der Lebensmitte Sinnkrisen überhaupt zuzulassen anstatt sich an die Macht der Gewohnheit zu halten. Eine der goldenen Regeln: Sich dieser Phase, die von unzähligen Wahlmöglichkeiten gekennzeichnet ist, an dem orientieren, was man tatsächlich gerne macht – anstatt äusseren Erwartungen gerecht werden zu wollen.
 
Denn die Art und Weise, wie man sich beruflich verwirklicht hat, geht meistens auf Weichenstellungen zurück, die man zwischen 20 und 30 vornahm. Was damals durchaus seine Richtigkeit hatte, kann sich mit dem Alter als unpassend entpuppen. Die einmal getroffene Berufswahl hat nämlich nicht zwingend etwas mit den tatsächlichen Fähigkeiten und Leidenschaften zu tun. Veränderungen scheitern allerdings oft daran, dass sich Betroffene viel zu viel vornehmen und meinen, genau wissen zu müssen, wohin die Reise führen soll – anstatt einfach mal den ersten Schritt zu unternehmen und zum Beispiel ein Arbeitsumfeld zu wählen, das mehr Gestaltungs- und Entscheidungsspielraum zulässt. So gesehen ist die berufliche Midlife-Crisis auch eine grosse Chance, seinem Leben eine andere Wende zu geben und seinen neuen Bedürfnissen anzupassen.
 
Eine Taktik der kleinen Schritte empfiehlt sich auch deshalb, weil wie bereits angetönt ausgerechnet in der Lebensmitte zahlreiche Verpflichtungen familiärer oder finanzieller Art einen radikalen Wechsel erschweren oder gar verunmöglichen. Wer es schafft, mit steigendem Einkommen nicht automatisch den Lebensstil anzupassen, sondern sich finanzielle Reserven anzulegen, hat in der berühmten Midlife-Crisis sicher mehr Handlungsmöglichkeiten als jemand, der einen schlecht bezahlten Job ausübt oder mit hohen Lebenshaltungskosten zu kämpfen hat.
 
Wichtig ist, sich in der Phase der Neuorientierung mit den richtigen Fragen auseinanderzusetzen – ob mit oder ohne Laufbahnberater. Was kann man selbst ändern, um wieder mehr Freude im Beruf zu haben? Was ist einem wirklich wichtig, um ein zufriedenes Leben führen zu können? Ist man im Beruf über- oder unterfordert? Welche Tätigkeiten im Beruf machen Spass? Was würde man gerne tun, und liesse sich das auch im bestehenden Unternehmen realisieren?
 
Der schlechteste Ratgeber ist, im gewohnten beruflichen Umfeld zu verharren und sich nicht mit solchen Fragen auseinanderzusetzen, wenn sich Routine und Langeweile eingeschlichen haben. Die Gemütlichkeitsfalle ist verlockend – und gefährlich. Denn im Alter von 40 liegen immerhin noch mindestens 24 bzw. 25 Jahre Berufsjahre vor einem.

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