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Führung

Die Pferdeflüsterer

Führung
21. Oktober 2012
Weshalb Führungskräfte und ganze Teams auf das Feedback von Pferden setzen.
Führungsschulung einmal anders: Manager lassen sich in der Arbeit mit Tieren das eigene Führungs- und Teamverhalten spiegeln.
- von Manuela Specker -
Eigentlich wollte Urs Thierstein, Gründer des Beratungsunternehmens CTS Group, schon in den 90er-Jahren Pferde-Seminare für Führungskräfte und Abteilungen anbieten. Er schrieb ein Konzept, stiess aber bei den Firmen auf Unverständnis.

Heute sieht die Sache anders aus: Das Arbeiten mit den Pferden zwecks Führungsschulung hat sich auf dem Weiterbildungsmarkt etabliert. Auch Firmen wie UBS, das Paraplegiker-Zentrum Nottwil oder Novartis haben Kaderleute schon in die Reithalle geschickt. Thierstein mischt seit 2007 mit. Er, der seit über 30 Jahren als Inhaber der Spring- und der Dressurlizenz sowie als ehemaliger Military-Reiter einen engen Bezug zu Pferden hat, weiss um die Wirksamkeit und Effizienz von Pferdeseminaren: «Pferde spiegeln sehr präzise die eigenen Verhaltensmuster», so Thierstein. «Ein Chef, der nach aussen autoritär wirkt, aber innerlich unsicher ist, bringt kein Pferd zum Bewegen.»

Da nach wie vor sehr unklare Vorstellungen darüber herrschen, was die Teilnehmenden in so einem Seminar zu erwarten haben, führt die CTS Group regelmässig Schnupperevents durch, so auch unlängst auf dem Staffelegghof in Küttigen AG. Die Teilnehmenden, die im Vorfeld darum gebeten wurden, Anzug und Krawatte beziehungsweise Kostüm zu Hause im Schrank zu lassen und auf ein Zuviel an Aftershave oder Parfüm zu verzichten, müssen sich unter anderem als Team organisieren und ein Pferd über eine definierte Distanz bewegen. Jeder einzelne kriegt zudem Gelegenheit, unter Beobachtung der anderen ein Pferd zu führen.

Schnell wird klar: Das Ganze ist weder Kuschelseminar noch Eventveranstaltung. «Es geht nicht um Reiten oder Pferdestreicheln, sondern um natürliche Dominanz, Souveränität und Echtheit im Umgang mit sich selbst und anderen», so Thierstein.
Unter den Teilnehmenden befindet sich mit Lara Suter auch eine erfahrene Reiterin. Sie ist nicht erstaunt darüber, dass sich zunehmend Geschäftsleute in ihrer Weiterbildung von Pferden den Spiegel vorhalten lassen. «Nur wer Bestimmtheit und Sicherheit ausstrahlt und klar mitteilt, wohin es gehen soll, kann mit Pferden etwas erreichen», so Lara Suter. Deshalb auch ist der CTS-Group-Chef Urs Thierstein überzeugt, dass kein Rollenspiel so deutlich die eigenen Verhaltensmuster aufzeigen kann wie die Arbeit am Pferd. Das Tier registriert jede Unsicherheit und verhält sich entsprechend, denn: Pferde müssen sich nicht darum kümmern, höflich zu sein, und sie lassen sich weder von Status noch von Aussehen beeindrucken. Sie reagieren auf Sein, nicht auf Schein, wie es Thierstein treffend formuliert. Die Pferde sind als Flucht- und Herdentiere auf Führung angewiesen; bleibt diese aus, übernehmen sie das Kommando selber.

Urs Hirt, der demnächst seinen Job als CEO bei einem Beratungsunternehmen antritt, hat sich auf die Arbeit am Pferd eingelassen. Da er nicht nur selber führt, sondern auch Führungskräfte berät, war dies für ihn besonders aufschlussreich. Als es darum ging, das Pferd von A nach B zu bewegen, brachten sich die Teammitglieder ein, ohne auf die Expertise der Jüngsten zu hören, die erst noch mit Pferden vertraut ist.

Gewählt wurde zudem die erstbeste Lösung, ohne Alternativen zu berücksichtigen. «Auch wenn man es eigentlich besser wüsste, tappt man doch immer wieder in dieselben Fallen», so Hirt. Vielsagend auch die Übung, die das Führungsverhalten spiegelt: Ein Teilnehmer führte das Pferd an einer relativ kurzen Leine; er war sich seiner Sache ganz und gar nicht sicher. Urs Thierstein berichtete den Teilnehmenden überdies von einer Führungskraft, die an einem solchen Pferde-Seminar das Kommando innerhalb des Teams mit brachialer Gewalt an sich riss und erfolglos versuchte, dass das Pferd nach seiner Pfeife tanzt. Sämtliche Übungen werden jeweils von einem Mitarbeiter der CTS Group gefilmt und anschliessend im Plenum analysiert. «Der betreffende Manager ist selber erschrocken, als er sich in Aktion sah», so Thierstein.

Dass Pferde für Mitarbeitende ein neutraler Sparringspartner sein können, wird auch von der Wissenschaft gestützt. In der Verhaltensbiologie ist unumstritten, dass Pferde auf menschliche Signale reagieren und entsprechend zeigen, ob sie das Verhalten vertrauensfördernd oder abschreckend finden. Pferde als Spiegel der eigenen Befindlichkeit und Persönlichkeit zu sehen, hat also nichts mit Esoterik, aber viel mit deren Instinktverhalten zu tun. Nun heisst das noch lange nicht, dass wer gut mit den Tieren umgehen kann und das Pferd im Griff hat, automatisch eine gute Führungskraft für Menschen ist.

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