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Mitarbeiter 50+ / Pensionierung

«Die wenigsten sind vorbereitet»

Mitarbeiter 50+ / Pensionierung
03. Februar 2013
Der Altersexperte Ton Koper über den Mangerl alternativer Pensionierungsmodelle.
- von Manuela Specker - 
Für die meisten Arbeitnehmenden ist im Alter 65 (bei Männern) bzw. 64 (bei Frauen) Schluss mit der Festanstellung in einem Unternehmen. Was halten Sie von solchen starren Grenzen?

Ton Koper:* Gegenüber den nachkommenden Generationen werden sich die mittlerweile üblichen XXL-Versionen des Ruhestands als enorme finanzielle Last auswirken. Aber auch im Interesse der Pensionierten selbst müssten die starren Grenzen schon längst aufgehoben werden. Untersuchungen, unter anderem vom Shell-Personalmanagement, beweisen, dass ein abrupter Gewinn von Freizeit, der mit einem ebenso abrupten Verlust an Teilhabe, Anerkennung und Weiterentwicklung einhergeht, als Übertrittsmodell in den Ruhestand lebensgefährlich ist. Für alle Beteiligten wären Rahmenvereinbarungen, die den flexiblen und individuellen Einstieg in die nachberufliche Lebenszeit nicht mehr behindern, sondern unterstützen, ein wichtiger Schritt nach vorne.

Zwischen 2010 und 2035 gehen die geburtenstarken Jahrgänge in Rente. Wie gut sind die Firmen auf diese Pensionierungswellen eingestellt?

Gut vorbereitet sind nur die wenigsten. Ein ganzheitliches Personalmanagement für ältere Zielgruppen, welches dazu nicht nur Talent und Leistung als Kenngrössen steuert, sondern auch Erfahrung als Faktor aktiv bewirtschaftet, ist immer noch die Ausnahme, nicht die Regel. Auf breiter Ebene müssen wir endlich beginnen, die besonderen Stärken dieser Arbeitnehmenden ernst zu nehmen, neu zu entdecken und zur Entfaltung zu bringen.

Wie erklären Sie sich die bisherige Untätigkeit?

Die Wirtschaft allein für dieses Versäumnis verantwortlich zu machen, ist unfair. Es ist die Gesellschaft als Ganzes, die immer noch gefangen ist in einem eher braven, harmlosen, inaktiven und nicht selten hilfebedürftigen Altersbild von gestern. Deshalb ist ein neuer Typus Älterer gefordert, der bereit ist, das bestehende Altersbild für sich und kommende Generationen laut und energisch genug infrage zu stellen. Das muss keine Utopie bleiben. Die Babyboomer der Geburtsjahrgänge 1946 bis 1964 wären in der Lage, diese Pionierrolle zu übernehmen. Diese Jahrgänge sind beim Schritt in den Ruhestand nicht nur fitter und unternehmungslustiger als je eine Generation zuvor. Auch zahlenmässig sind sie prädestiniert, als Wegbereiter der Altersemanzipation in die Geschichtsbücher einzugehen. Vor vierzig Jahren wollten viele nicht wie früher erwachsen werden. Heute haben sie ebenso wenig Lust, wie früher alt zu werden. Sollten sie sich auf den Weg machen, dürfen sie von Politik und Wirtschaft allerdings nicht viel Anschubhilfe erwarten. Die Politik fällt aus, weil sie von der Mehrheit älterer Wähler abgestraft wird, sollte sie es wagen, den Convenience- und Umsorgungsanspruch der heutigen Rentnerwähler kritisch anzusprechen. Von der Wirtschaft sind zurzeit nicht viele Neuimpulse zu erwarten, weil sie vom Status quo profitiert.

Mit welchen Schwierigkeiten rechnen Sie, wenn sich weder Wirtschaft noch Politik rechtzeitig mit dieser Problematik auseinandersetzen?

Das Versäumnis einer Bereitschaft, die Alterspolitik grundsätzlich zu hinterfragen und neu aufzustellen, wird fatale Folgen haben. Am meisten berappen werden das in allererster Linie die Kinder der Babyboomer. Die geburtenstarken und langlebigen Jahrgänge hinterlassen ihren unmittelbaren Nachkommen bei Weiterführung der bisherigen Praxis respektive Aufrechterhaltung des Status quo die mit Abstand grösste Altersrechnung aller Zeiten. Wenn die Jungen diesen Zahlungsauftrag tatsächlich akzeptieren wollen, müssten sie bereit sein, ein Leben deutlich unterhalb der Möglichkeiten und Annehmlichkeiten zu führen, welches für ihre Eltern selbstverständlich war.

Wie lautet Ihr Gegenrezept?

Dem immensen brachliegenden Potenzial von Menschen in spät- und nachberuflichen Jahren muss sehr viel mehr Beachtung geschenkt werden als bisher. Diese Ressourcen müssen künftig viel professioneller und produktiver definiert und nutzbar gemacht werden. Erst wenn die strategischen Mehrwerte der Älteren für unsere Standorte endlich genauer erfasst und belegt sind, wird das Erfahrungskapital auch nicht mehr weiter ungenützt brachliegen. Im Moment sind Menschen mit Erfahrung ab sechzig am Arbeitsmarkt noch ein Auslaufmodell, aber das wird nicht so bleiben. Ausser in den Regionen südlich der Sahara steigt die Alterswelle weltweit dynamisch an und der Handlungsdruck nimmt damit automatisch weiter zu. Japan war 2011 das erste Land, in dem mehr Windeln für Senioren als für Babys verkauft wurden. Auch in Brasilien, Russland, Indien und China werden neue Antworten auf die Altersfrage immer lauter gefordert. Unser Kontinent braucht sich bei diesen Entwicklungen nicht zu verstecken. Der einzige Unterschied ist der, dass den Alten hier mehr Sozialleistungen versprochen wurden als irgendwo sonst auf der Welt.

* Ton Koper leitet die powerAge Foundation in Basel. Die Stiftung arbeitet als Think-Tank und bietet Beratungen und Strategien zum Generationenwechsel der Altersperspektiven in Gesellschaft und Wirtschaft.

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