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Teilzeit / Flexible Arbeitsmodelle

Eine Kampfansage an die vielen Überstunden

Teilzeit / Flexible Arbeitsmodelle
05. August 2012
Die Arbeitseinstellung «Dienst nach Vorschrift» hat zu Unrecht einen schlechten Ruf. Überstunden gehören in der heutigen Arbeitswelt zum guten Ton. Längst nicht alle Mitarbeitenden werden dafür entschädigt. Flexible Arbeitszeiten entpuppen sich im Nachhinein deshalb oft als ausbeuterisch.
- von Manuela Specker -
Seit drei Jahren gilt für die oberen Kaderangestellten beim Bund die Vertrauensarbeitszeit. Das heisst, sie teilen selber ein, wann sie arbeiten. Job, Familie und Freizeit sollen sie so besser unter einen Hut bringen. Überstunden können nicht kompensiert werden; stattdessen werden diese pauschal mit fünf Prozent des Jahreslohnes abgegolten. Das wird dann problematisch, wenn der Arbeitsanfall in keinem Verhältnis zur Arbeitszeit steht. «Selbstausbeutung» ist die Folge, wie Bundesangestellte gegenüber der NZZ monieren. Das neue Arbeitsmodell liege vor allem im Interesse des Arbeitgebers. In der Privatwirtschaft ist die Vertrauensarbeitszeit auch auf unteren Hierarchieebenen verbreitet, und Führungspositionen gehen oftmals per se mit Überstunden einher, ohne Anspruch auf Kompensation.

Zwar hat sich gemäss der Konjunkturforschungsstelle KOF die Arbeitszeit in der Schweiz seit 1950 um einen Drittel verringert. Knapp 42 Stunden arbeitet heute ein Angestellter in der Schweiz durchschnittlich pro Woche. Doch im Zeitalter der flexiblen Arbeitsgestaltung und vor allem bei geistigen Tätigkeiten sind Überstunden zur Selbstverständlichkeit geworden; längst nicht alle werden erfasst, und die Annahme, Überstunden irgendwann zu kompensieren, verpufft wirkungslos. Für Angestellte mit einem grossen inneren Feuer ist dies, solange das Feuer nicht erlischt, kein Problem. Ihre Begeisterung für den Job lässt sie nicht einmal daran denken, Arbeitsstunden überhaupt zu zählen.

Dann gibt es aber noch jene, die sich dem Arbeitgeber sehr wohl verpflichtet fühlen, die aber auch ein Leben neben dem Job haben wollen. Nach der gängigen Terminologie leisten diese «Dienst nach Vorschrift», und eine solche Arbeitseinstellung ist eindeutig negativ konnotiert. Ein Fehler, meint der Jurist und Psychologe Volker Kitz. Es seien in Tat und Wahrheit diese Leute, die das Herz eines Unternehmens ausmachen. «Visionen in die Welt posaunen, Reden schwingen, gestresst durch die Gegend hetzen, Powerpoint-Wirbel veranstalten – all das wirkt toll. Aber ein Unternehmen funktioniert am Ende nur, weil jeden Tag viele Leute einfach ganz normalen Dienst nach Vorschrift schieben», meint der Buchautor, der mit «Die 365-Tage-Freiheit» ein fulminantes Plädoyer gegen das Diktat der Arbeit geschrieben hat. Kitz zeigt auf, wie absurd es ist, Überstunden als selbstverständlich hinzunehmen; schliesslich würden Firmen die Mitarbeitenden ebenfalls «streng nach Vorschrift» bezahlen. Eine aktuelle, nicht repräsentative Umfrage der Online-Jobbörse Monster zeigt zudem auf, dass bei 43 Prozent der Schweizer Arbeitnehmenden Überstunden nicht vergütet werden – weder monetär noch in Form von mehr freien Arbeitstagen.

Es ist die unausgesprochene Erwartungshaltung, die den «Dienst nach Vorschrift»-Mitarbeitern zu schaffen macht. Überstunden sind zum Ventil geworden, um zu demonstrieren, wie leistungsfähig man ist. Der Output ist sekundär, was zählt, ist die Präsenz im Büro.

Die deutsche Journalistin und Autorin Julia Friedrichs, die sich in den Kaderschmieden der Wirtschaft umgesehen hat, um den Mechanismen der Macht auf die Spur zu kommen, beobachtet, dass Überstunden sogar zu einem Fetisch geworden sind. Der Arbeitskollege, der um 17 Uhr das Büro verlässt, wird schon einmal schief angeschaut, obwohl er die Woche zuvor bis tief in die Nacht gearbeitet hat.

Volker Kitz’ Ehrenrettung der «Dienst nach Vorschrift»-Einstellung ist kein Plädoyer für Minimalismus, aber gegen die Tendenz, dass Präsenz mehr zählt als Leistung. Beifall würde eigentlich nicht jener verdienen, der möglichst lange im Büro ausharrt, sondern jener, der effizient seine Arbeit erledigt, dabei gleiche oder gar bessere Ergebnisse liefert und daneben ein Privatleben hat. Kitz’ Lösung: «Es darf einem nichts ausmachen, als faul und unambitioniert zu gelten.» Lieber bei Kollegen an Ansehen verlieren, aber dafür ein Stück eigenes Leben zurückgewinnen.

Doch Überstunden sind nicht nur die Folge einer Arbeitskultur, die Präsenz höher gewichtet als das Ergebnis. Manchmal ist schlicht der Arbeitsanfall zu hoch, wie sich nun auch bei leitenden Bundesangestellten zeigt. Unter solchen Bedingungen verkommt die Flexibilisierung der Arbeitszeit tatsächlich zur Selbstausbeutung.

(Photo: FLICKR)

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