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Es geht auch ohne Quote

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06. März 2016
Unternehmerische Chance statt politischer Pflicht: Wie Firmen das Potenzial von Frauen besser nutzen.
Frauen sind an der Spitze von Unternehmen noch keine Selbstverständlichkeit. Die Wirtschaft könnte dies ganz ohne Quote aus eigener Kraft ändern. Grossbritannien geht mit gutem Beispiel voran.
 
Von Guido Schilling*
Am 15. Juni soll Monika Ribar zur neuen Verwaltungsratspräsidentin der SBB gewählt werden. Sie wäre zusammen mit Nayla Hayek (Swatch) eine von nur zwei Frauen, die das Präsidium eines der 100 grössten Unternehmen der Schweiz einnehmen werden. Das zeigt: Es ist noch ein weiter, steiniger Weg, bis die Frauen an der Spitze unserer Wirtschaft zur Selbstverständlichkeit werden.
 
Der Bundesrat hat sich in dieser Situation dafür entschieden, eine Frauenquote für kotierte Unternehmen einzuführen: 30 Prozent sollen es im Verwaltungsrat, 20 Prozent in den Geschäftsleitungen sein. Sanktionen bei Nichterfüllen gibt es keine, doch die Unternehmen müssen sich öffentlich erklären. Der Regierung dürfte es schwer fallen, das neue Parlament von der Quote zu überzeugen. Schon in der Vernehmlassung blies dem Bundesrat ein steifer Wind entgegen. Doch nehmen wir an, die Umsetzung gelingt: Welche Auswirkungen würden diese Vorgaben haben?
 
Auf Ebene des Verwaltungsrats erreichen wir die Zielvorgabe von 30 Prozent in wenigen Jahren, ob mit oder ohne Quote. Wie der «Schillingreport» zeigt, sind über 15 Prozent der Schweizer Verwaltungsräte Frauen, unter den Neuen liegt ihr Anteil noch einmal deutlich höher. Es ist heutzutage unbestritten, dass mit einer guten Genderbalance auf allen Ebenen der Unternehmensspitze eine höhere Profitabilität einhergeht, wie dies auch eine aktuelle, mit 22000 teilnehmenden Unternehmen sehr gross angelegte Studie des Peterson Institute bestätigt.
 
Noch immer ist das Erstaunen in den Nominationskomitee jedoch gross, wenn sich bei einer Verwaltungsratssuche eine grosse Auswahl an qualifizierten Kandidatinnen präsentieren lässt. Die Komitees spüren diese Frauen im eigenen Netzwerk, wo männliche Kollegen aus Studium oder Arbeitsleben dominieren, zu selten auf.
 
Um gegen diese fehlende Sichtbarkeit vorzugehen, hat der Arbeitgeberverband – mit Leichtigkeit – eine Liste mit 400 Frauen erstellt, die das Rüstzeug zur Verwaltungsrätin mitbringen. Das Potenzial ist da. Um es zu nutzen, müssen die Unternehmen aber einen konsequenten und systematischen Effort leisten. Sie müssen mit vielversprechenden VR-Kandidatinnen, intern wie extern, frühzeitig in Kontakt treten, um die Suche bei einer Vakanz nicht mit einem leeren, weissen Blatt beginnen zu müssen.
 
Bei den Geschäftsleitungen herrscht hingegen Ernüchterung vor: Hier stehen wir seit Jahren bei 6 Prozent Frauenanteil. Es bräuchte eine breitere Basis an qualifizierten Frauen im mittleren Management, aus der sich die Spitzenkräfte rekrutieren können; diese Basis fehlt vielerorts noch. Damit die Frauen hier Fortschritte verzeichnen, braucht es auch einen Wandel in Gesellschaft und Wirtschaft, zum Beispiel beim Angebot an flexibleren Arbeitsmodellen. Nötig wäre zudem eine Art Ehrenkodex, dass die Unternehmen einen ausserordentlichen Effort leisten, um bei Suchen auf GL-Niveau Frauen zu berücksichtigen.
 
Eine Rekrutierungspflicht erwiese den Frauen jedoch einen Bärendienst: Sollten quotenbedingt Frauen in die Geschäftsleitung befördert werden, die nicht über die nötigen Qualifikationen verfügen, wäre dies eine weitere Hürde für alle Frauen, die den Sprung aus eigener Kraft schaffen – stünden doch auch sie unter Generalverdacht, «Quotenfrau» zu sein.
 
Quote oder nicht, die Wirtschaft bleibt auf jeden Fall gefordert, sich in der Frauenförderung zu engagieren. Bloss wie? Ein spannendes Beispiel hierzu liefert Grossbritannien: Es hat den Frauenanteil in seinen Verwaltungsräten in 5 Jahren von 12 auf 26 Prozent gesteigert. Ohne Quote, dafür mit viel Einsatz von gestandenen Persönlichkeiten aus der Wirtschaft. Mit Unterstützung der damaligen Regierung entstand ein Komitee, das sich dafür einsetzte, bei den grossen Unternehmen bis 2015 eine Frauenvertretung von 25 Prozent zu erreichen. Lord Mervyn Davies, der die Gruppe präsidierte, genoss als langjähriger CEO und Präsident der Standard Chartered Bank das Vertrauen der Wirtschaft. Auch andere Organisationen wie der «30% Club» von Helena Morrissey, CEO des Fondshauses Newton, trugen massgeblich dazu bei, die Unternehmensführer von den Vorteilen eines ausgeglichenen Führungsteams zu überzeugen. Morrissey und Davies sprechen von einer unternehmerischen Chance, wo die Unternehmensführer bisher eine politische Pflicht gesehen haben.
 
Grossbritannien hat sich punkto Frauen an der Spitze mit seiner Initiative aus dem Mittelfeld an die Spitze katapultiert und liegt vor «Quotenländern» wie Deutschland oder Italien. Die Schweiz könnte das auch. Der eigenverantwortliche Ansatz passt zu unserer Wirtschaftspolitik, der Staat greift nur ein, wenn die Selbstregulierung versagt. Doch damit eine solche Initiative zum Fliegen kommt, braucht es Unternehmergeist und Unternehmerschaft. Es braucht eine Helena Morrissey oder einen Lord Davies – am besten gleich beide.
 
*Guido Schilling ist Managing Partner des gleichnamigen Executive-Search-Unternehmens in Zürich.

Foto: Thinkstock

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