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Personalpolitik / MA-Rekrutierung

„Firmen sollten frechmutiger sein“ / „Firmen sollten frecher sein“

Personalpolitik / MA-Rekrutierung
05. Mai 2014
„Firmen sollten frechmutiger sein“ / „Firmen sollten frecher sein“
Der Personalchef der Verkehrsbetriebe Zürich über unkonventionelle Rekrutierungsmethoden.
 
Mit einer Kampagne, die sich gezielt an Frauen richtete, haben die VBZ bedeutend mehr Trampilotinnen an Bord geholt. Personalchef Jörg Buckmann über die Hintergründe.
 
Von Manuela Specker
 
Die VBZ sprechen in ihren Rekrutierungskampagnen die Frauen direkt an.  Prompt hat sich der Anteil an Bewerberinnen innert kurzer Zeit verdoppelt. Wie erklären Sie sich diesen Erfolg?
Jörg Buckmann: Wir kennen unsere Zielgruppe genau – und können sie deshalb gezielt ansprechen. Im Vorfeld haben wir klar definiert, welche Branchen und Berufsgruppen für uns interessant sind. Zudem wollten wir dies auf eine aussergewöhnliche Art und Weise tun. Das ist vielversprechender als die zum Gähnen langweilige Formulierung in Stelleninseraten, wonach Bewerbungen von Frauen besonders willkommen seien.

Unter anderem haben die VBZ „flinke Kellnerinnen“, „ambitionierte Coiffeusen“ oder „aufgeweckte Bäckerinnen“ gesucht. Damit hat sie sich nun aber auch den Vorwurf des Sexismus eingehandelt. Ein Gemeinderat der Stadt Zürich hat eine entsprechende Anfrage an den Stadtrat eingereicht.
Zu dieser Anfrage kann ich mich konkret nicht äussern, bis der Stadtrat darauf geantwortet hat.
 
Aber Ihre Personalwerbung fällt ja schon aus dem Rahmen.
Ja – weil wir auf dem Arbeitsmarkt Gehör finden wollen. Firmen sollten etwas frechmutiger auftreten. Ich verstehe darunter einen Arbeitgeberauftritt mit mehr Mut und Leidenschaft. Der Fachkräfte-Mangel tangiert schliesslich nicht nur Hochschulberufe. Unsere Branche ist zudem noch als Männerdomäne in den Köpfen verankert. Das wollen wir ändern.

Die Kampagne ist ja auch Ausdruck davon, dass Trampilot – oder eben Trampilotin – ein Quereinsteiger-Beruf ist.
Genau. Wir sprechen gezielt Frauen aus bestimmten Branchen wie Verkauf oder Gastronomie an, weil diese mit Schichtarbeit vertraut sind. Ganz wichtig in unserem Bereich ist auch der Kundenkontakt. Darum sind für uns Frauen interessant, die Erfahrung aus Berufen mit persönlichen Dienstleistungen mitbringen wie Coiffeuse oder Kosmetikerin. Wir haben aus diesen Bereichen viele Bewerbungen erhalten – aber auch aus der Pflege, einer Branche, die wir aus Rücksicht auf die Spitäler, die ebenso unter einem Fachkräfte-Mangel leiden, nicht direkt angesprochen haben.
 
Welche Voraussetzungen muss eine Trampilotin, ein Trampilot sonst noch mitbringen?
Vor allem im zweiten Teil des Bewerbungsprozesses schauen wir auf Stress- und Monotonie-Resistenz. Unsere Angestellten müssen mit beiden Extremen zurechtkommen. Während der Rushhour darf man nie den Überblick und die Nerven verlieren. In ruhigen Zeiten und in Aussenquartieren ist es zugleich zwingend, immer hoch konzentriert zu bleiben. Unsere insgesamt 650 Tramführerinnen und Tramführer müssen überdies kerngesund sein – das ist eine Vorgabe des Bundesamtes für Verkehr und die Basis für den hohen Sicherheitsstandard der VBZ.

Aber ist es nicht problematisch, in Stelleninseraten ausschliesslich Frauen anzusprechen?
Es ist ein Trugschluss zu meinen, dies sei verboten. Im Gleichstellungsgesetz existiert ein Artikel, der solche Massnahmen erlaubt, um eine tatsächliche Gleichstellung zu erreichen. Dank unserer Massnahmen konnten wir den Anteil an Tramführerinnen innert Kürze von 18 auf 25 Prozent steigern. Bewerbungen von Männern sind natürlich genauso willkommen.  
 
Wie nachhaltig sind Ihre Aktionen?
In einer Männerdomäne den Frauenanteil zu erhöhen ist ein Langstreckenlauf.  Was wir bereits jetzt feststellen: Der Anteil an Bewerbungen von Frauen lag lange bei 16 Prozent und fällt seit unseren Kampagnen nie mehr unter 22 Prozent. Übers Gesamte gesehen konnten wir die Bewerbungen von Frauen verdoppeln. Letztes Jahr gingen 42 Prozent der offenen Stellen in den Tramcockpits an Frauen.

Frauen dürfen erst seit 1978 ein Tram führen. Diese Massnahme ging damals bestimmt nicht ohne Widerstand über die Bühne.
Ja, in der Tat, wie ich in alten Zeitungsausschnitten nachlesen konnte. Eine Gewerkschaft argumentierte damals, dass dies den Berufsstand abwerte und einen Lohndruck nach unten zur Folge habe. Heute kann man darüber schmunzeln. Kaum jemand würde öffentlich bestreiten, dass sich Frauen nicht als Trampilotinnen eignen. Man darf aber nicht unterschätzen, dass gerade der Beruf des Chauffeurs noch immer als Männerberuf angeschaut wird. Dabei hat die Frage, ob jemand ein guter Tramführer oder eine gute Tramführerin ist, nichts mit der Frage des Geschlechts zu tun.
 
Das zeigen wohl auch die Erfahrungen in der täglichen praktischen Arbeit?
Ja, Frauen fahren ganz bestimmt nicht schlechter Tram als Männer. Wir führen allerdings keine Statistik, welche die Zahl der Unfälle oder der falschen Weichenstellungen nach dem Geschlecht sortiert. Sonst würden wir ja der Argumentation folgen, dass die Fähigkeit zum Führen eines Trams vom Geschlecht abhängt. Interessanterweise haben wir bei den VBZ sehr viele Fahrlehrerinnen. Diese stellen natürlich Unterschiede fest. Die einen lernen schneller, haben etwas mehr Flair als andere und können besser vorausschauend handeln. Aber unsere Erfahrungen zeigen, dass dies keinen Zusammenhang mit dem Geschlecht hat.

Jörg Buckmann (Hg.): „Einstellungssache: Personalgewinnung mit Frechmut und Können“, Verlag Springer Gabler, 2014.
 

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