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Karriere allgemein

Freizeit, was ist das?

Karriere allgemein
20. September 2015
Wenn die Anforderungen an den Job nicht mit den Arbeitsbedingungen übereinstimmen
Die Work-Life-Balance war eine Illusion. Das Schlagwort der Stunde heisst  „Work-Life-Blending“. Was bedeutet es für die Angestellten konkret, wenn sich Beruf und Freizeit immer mehr vermischen?

Von Manuela Specker
Die Auflösung kam schleichend. Beruf und Privatleben, einst zwei getrennte Sphären, lassen sich heute für viele Arbeitnehmende nicht mehr so klar unterscheiden. Und das ist nicht per se schlecht.  Die damit einhergehende höhere Flexibilität entspricht oft mehr den Jobanforderungen, die mit der Stechuhr-Mentalität nicht mehr viel gemein hat. Hans-Jürgen Urban vom Vorstand der deutschen Gewerkschaft IG Metall brachte es im Wirtschaftsmagazin „brand eins“ auf den Punkt: „Je höher qualifiziert und je weniger entfremdet die Arbeit ist, desto mehr verschwimmen die Grenzen zwischen Arbeit und Nicht-Arbeit.“

Die damit – theoretisch - einhergehende Flexibilität sollte aber auch den eigenen Bedürfnissen entgegen kommen. Der Handwerker erscheint werktags um 11 Uhr? Dann arbeitet man halt von zu Hause aus und geht später ins Büro. Das Kind muss um 17 Uhr in der Krippe abgeholt werden? Dann vertieft man sich spätabends nochmals in die Arbeit.

Für all jene, die sich mit ihrer Arbeit identifizieren, war es schon immer selbstverständlich, den Job in der Freizeit nicht einfach auszublenden. Die Hälfte der Mitarbeitenden, die auch abends oder am Wochenende für den Job erreichbar sind, tun dies gemäss einer Befragung des Forschungsinstitutes Yougov freiwillig. Entsprechend schreiben die Autoren von einem Trend in Richtung „Work-Life-Blending“, was für ein Verschmelzen von Arbeit und Freizeit steht.

Der Arbeitsbarometer des Personalvermittlers Randstad aus dem zweiten Quartal 2015 ergibt ein ähnliches Bild: Ein Viertel der Umfrageteilnehmer kümmert sich freiwillig auch in den Ferien um berufliche Angelegenheiten, da sie auch in dieser Zeit in die Arbeit involviert sein wollen. Über die Hälfte hat keine Probleme damit, in der Freizeit berufsbezogene Angelegenheiten zu erledigen.

Die technischen Voraussetzungen für räumlich und zeitlich unabhängiges Arbeiten sind längst gegeben. Mit Cloud-Lösungen für die Online-Zusammenarbeit gilt das sogar für ganze Teams. Doch die neu gewonnenen Freiheiten haben auch ihre Schattenseiten. Eine Erkenntnis nicht nur von Gewerkschaften, die vor Ausbeutung der Arbeitnehmenden warnen, sondern auch von Medizinern. Wer auf Dauer nicht mehr vom Job abschalten kann, muss mit negativen Folgen für die Gesundheit rechnen: Erhöhter Blutdruck, Schlafstörungen, Verdauungsprobleme oder eine geschwächte Immunabwehr sind typische Anzeichen, dass zwischen Arbeit und Freizeit keine vernünftige Balance mehr besteht.

Eines der Hauptprobleme liegt darin, dass viele Mitarbeitende zwar ausserhalb ihrer offiziellen Arbeitszeit erreichbar sind auch und in der Freizeit arbeiten, dass sie aber die Freiheiten in umgekehrter Richtung nicht nutzen. „Privates während der Arbeitszeit zu regeln ist zwar oftmals möglich, wird aber nicht so häufig genutzt“, meint Katharina Wegera, Senior Consultant bei Yougov. Das ist vor allem dann der Fall, wenn von den Mitarbeitenden flexibles Arbeiten erwartet wird, die Arbeitsleistung aber trotzdem nicht anhand der gelieferten Ergebnisse beurteilt wird, sondern anhand der Präsenz im Büro.

So kommt es zur absurden Situation, dass sich schuldig fühlt, wer während der Arbeitszeit private Dinge erledigt oder die Mittagspause wegen eines Behördenganges um eine Stunde verlängert – obwohl er doch in seiner Freizeit regelmässig Geschäftliches erledigt. Vor diesem Hintergrund erstaunt es wenig, dass manche Mitarbeitende das Vermischen von Privatem und Beruflichen, eben das „Work-Life-Blending“, als Fluch und nicht als Segen empfinden. Fast jeder zweite Angestellte, der entgrenzt arbeitet, gab in der Yougov-Umfrage an, am Ende des Arbeitstages erschöpft zu sein. Bei Mitarbeitenden mit klassischen Arbeitszeiten war das nur bei jedem Dritten der Fall.

Es wäre vernünftiger, wenn die Arbeitsbedingungen mit den tatsächlichen Jobanforderungen übereinstimmen würden. „Eigenverantwortliche Mitarbeitende arbeiten nachweislich produktiver, wenn sie sich selber einteilen können, wann und wo sie arbeiten“, sagt der Unternehmensberater Ron Ashkenas. Solange aber in den Unternehmen eine Präsenzkultur vorherrscht, bleibt das eine Illusion.

Zugleich müssen Mitarbeitende lernen, selber Grenzen zu setzen. „Wenn Sie nicht bewusst Ihre eigene Arbeitszeit kontrollieren, kann die Arbeitszeit leicht die Kontrolle über Sie erlangen“, warnt Ron Ashkenas. Unvergessen bleibt ihm der Conference Call, den er mit Arbeitskollegen abhalten wollte. Wie sich nämlich bald herausstellte, weilten alle Beteiligten in den Ferien – inklusive Ron Ashkenas. Aber keiner war im Vorfeld auf die Idee gekommen, den Termin verschieben zu lassen.

Foto: Thinkstock

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