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Die Netten sind die Hölle

Vorgesetzte, die es allen recht machen wollen, sind im falschen Job.

Führung
Veröffentlicht am 23.02.2019 von Manuela Specker - Bildquelle: GettyImages

Was mussten Führungskräfte nicht schon alles über sich ergehen lassen. In ihrer Position sollen sich verhältnismässig mehr Psychopathen als im Rest der Bevölkerung tummeln, sie brauchen scharfe Ellbogen und eine grosse Portion Narzissmus: Karriereratgeber zum Überthema „Wie werde ich endlich Chef“ beschreiben die charakterlichen Voraussetzungen nicht allzu rosig. 

Gerne geht dabei vergessen, dass jene Vorgesetzten, die allzu nett sind, den Angestellten das Leben genauso zur Hölle machen können.  Sie weichen klaren Ansagen aus und fangen ihre Sätze stattdessen an im Sinne von: „Es wäre gut, wenn“. Sie beschönigen, sie reden Schwierigkeiten klein und sie lassen ihren Mitarbeitenden alles durchgehen. Ihr Antrieb: Harmoniesucht. Es sich bloss mit niemandem verscherzen, keine Unruhe erzeugen, möglichst alle Probleme unter den Teppich kehren. 

Schamlos ausgenutzt
Ihnen sind vor allem Anerkennung und Sympathie wichtig. Was also nach aussen als „nett“ daherkommt, kaschiert in Tat und Wahrheit die eigenen Unsicherheiten und das Bedürfnis, von allen geliebt zu werden. Das sind aber denkbar schlechte Voraussetzungen für einen Führungsjob. Dies macht sich spätestens dann bemerkbar, wenn einzelne Mitarbeitende anfangen, die Nettigkeit der Vorgesetzten zu instrumentalisieren. Zum Beispiel, indem sie immer weniger arbeiten, Sitzungen versäumen oder blau machen. Kurz: Indem sie ihre Leistungsbereitschaft auf Null fahren. Die Unmotivierten wissen die Gutmütigkeit von netten Vorgesetzten schamlos auszunutzen. 

In diesem Umfeld profitieren Trittbrettfahrer und Unmotivierte, derweil Leistungsträgerinnen und Leistungsträger über kurz oder lang das Weite suchen. Auch für die Vorgesetzten selber kann ein allzu nettes und rücksichtsvolles Wesen zur Belastung werden: Wer jedes Mal Bauchweh hat, wenn er Mitarbeitende kritisieren oder sie mit unangenehmen Dingen konfrontieren muss, ist vermutlich nicht am richtigen Ort. Es ist aber auch nur menschlich, dass es den meisten leichter fällt, Lob auszusprechen. Doch es gehört nun einmal zu den Anforderungen an Vorgesetzte, ihren Mitarbeitenden auch Entwicklung zu ermöglichen. Und das geht nicht ohne kritisches Feedback. „Führungsqualität beweist man, indem man unangenehme Gespräche nicht vermeidet oder verschiebt, sondern sich Konflikten stellt und sie konstruktiv löst“, bringt es beispielsweise Wolfgang Jenewein, Professor für Betriebswirtschaftslehre an der Universität St.Gallen, auf den Punkt.

Manchmal braucht es sogar eine Ermahnung, eine Versetzung oder im schlimmsten Fall einen Rauswurf, wenn man als Führungskraft erkennt, dass der Angestellte nicht am richtigen Ort ist. Er bringe nichts, einen Mitarbeiter aus falsch verstandener Sozialkompetenz oder einem diffusen Mitgefühl jahrelang durchzuschleppen. Das bedeute für beide Seiten vergeudete Lebenszeit. Schon so mancher Betroffene war im Nachhinein dankbar, dass ihm endlich jemand auf den Schlips trat – weil sich ihm erst dadurch neue Perspektiven eröffneten.

Auf ehrliches Feedback kommt es an
Laut einer Studie der Manpower Group ist für 91 Prozent der über 1000 Befragten ehrliches Feedback und Wertschätzung durch Vorgesetzte wichtig oder sogar sehr wichtig für die Jobzufriedenheit. Das ist aber eben nicht damit zu verwechseln, dass Mitarbeitende immer nur gelobt werden sollen. Gerade negatives Feedback bietet die Möglichkeit, an den Aufgaben zu wachsen und sich zu verbessern – sofern Vorgesetzte konkrete Verbesserungspotenziale aufzeigen anstatt nur auf Fehler hinzuweisen.

Wie so oft erweist sich für Führungskräfte der Mittelweg als ideal. Wer nur verbrannte Erde hinterlässt, schadet sich auf Dauer. Der Ego-Chef, der es dank seiner Skrupellosigkeit bis ganz nach oben schafft, ist bisweilen auch ein Mythos. Der tiefe Fall nach dem Erfolg ist nur eine Frage der Zeit: Gerade das überhöhte Ego führt oft zu Fehlentscheidungen, weil weder die Umgebung richtig wahrgenommen noch auf andere gehört wird. Unbestreitbar ist aber auch: Zu nette Vorgesetzte können genauso viel Schaden anrichten wie jene, die ohne Rücksicht auf Verluste agieren.