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Karriere allgemein

Gefrustet im Job – (k)ein Problem?

Karriere allgemein
16. April 2017
Der Psychologe und Jurist Volker Kitz findet, wir hätten zu hohe Erwartungen an die Arbeit. Stimmt das tatsächlich?

Von Manuela Specker
 
Er ist eine wohltuende Stimme in der ganzen Kakophonie um die Unzufriedenheit am Arbeitsplatz: Volker Kitz plädiert in seinem neuen Buch „Feierabend“ dafür, die Erwartungen an den eigenen Job runter zu schrauben. Es sei eine Tatsache, dass die meiste Arbeit sehr viel Routine enthalte. Nur werde eben dieses Faktum gerne verschwiegen. Und so machen wir uns alle selber etwas vor, wenn wir davon ausgehen, dass der Job grundsätzlich Spass machen muss und eine Herausforderung sein soll.
 
Besonders heikel ist der Anspruch, dass die Arbeit Sinn verleiht. Die Realität entspricht dieser Vorstellung aber in den wenigsten Fällen. Denn beim Sinn geht es nie nur um den Arbeitsinhalt. Was nützt es, wenn man mit der eigenen Arbeit zum Beispiel die Lebensbedingungen von weniger privilegierten Menschen verbessern kann, aber Hierarchiekämpfe im Büro einem das Leben schwer machen? So lässt sich eben immer etwas finden, das einem nicht passt. Die Folge: Man wird unzufrieden und übersieht leicht die positiven Aspekte in einem Job.
 
So gesehen ist das Plädoyer von Volker Kitz, die Arbeit auf das zu reduzieren, was sie im Kern ist - ein Produktionsfaktor, um zu einem besseren Leben mit mehr Wohlstand zu finden - begrüssenswert. Arbeit ist letztlich ein Tauschgeschäft gegen Geld.
 
Diese nüchterne Einstellung entlarvt auch den Hype um Präsentismus und Überstunden. Was ist eigentlich so schlecht daran, Feierabend zu machen, wenn man seine Arbeit erledigt hat? Wenn jemand spätabends noch im Büro sitzt, liegt das vielleicht einfach daran, dass er tagsüber ineffizient war. „Dienst nach Vorschrift“ ist nicht per se schlecht. Das besagt nämlich nichts anderes, als dass man die Arbeit, für die man bezahlt ist, erledigt hat, und das hoffentlich gut.
 
Der nüchterne Blick von Volker Kitz hat allerdings einen Nachteil: Er verkennt, was das „moderne Ich“ ausmacht, und dass die Sinnfrage nicht nur ein individuelles, sondern ein systemisches Problem ist. Es sind unter anderem die heutigen Wahlmöglichkeiten, die für die latente Unruhe sorgen, ob es in einem anderen Job, in einer anderen Firma nicht doch besser wäre.
 
Als es noch den Job fürs Leben gab und Wissen noch nicht so schnell veraltete, waren Arbeitnehmende nicht zwingend zufriedener. Aber sie waren zumindest nicht dem Druck zur Selbstoptimierung ausgesetzt. Es war ja auch nicht die Arbeit, über die sie sich in erster Linie definierten. Im Zeitalter des Individualismus, in welchem viele Bezugspunkte verloren gegangen sind, ist es zwangsläufig die Arbeit, an der sich die Sinnfrage auflädt. Wir verbringen ja auch viel Zeit damit.
 
Natürlich verbringen wir ebenso viel Zeit mit Schlafen, und niemand käme auf die Idee, den Sinn des Lebens im Schlaf zu finden, wie Kitz festhält. Dieser Vergleich hinkt allerdings: Schlafen ist notwendig, damit wir überhaupt leben können. Die Sinnfrage stellt sich also gar nicht. Oder erst dann, wenn wir nicht mehr schlafen können – zum Beispiel, weil einem der Job nicht mehr passt.
 
Die heutige Unzufriedenheit hat eben nicht nur mit überhöhten Erwartungen an den Job zu tun, sondern auch damit, dass die Leute zwar Freude an ihren Aufgaben hätten, sie aber vom Irrsinn in den Büros auf Trab gehalten werden. Mit Vorgesetzten zum Beispiel, die sich gerne im Erfolg sonnen, Fehler aber auf Untergebene abschieben. Mit Prozessen, die optimiert werden, obwohl Betroffene sehen, dass die Arbeit verkompliziert wird  – nur fragt sie niemand nach ihrer Meinung.
 
Wenn wieder mehr Vernunft in den Unternehmen einkehren würde und wenn vor allem jene Mitarbeitende in Führungspositionen befördert werden, die führen können und nicht nur wollen, dann kann es sehr gut sein, dass so mancher von alleine aus dem Jammertal rausfindet. Damit die Arbeitswelt in diese Richtung steuert, braucht es solche, die sich wehren und gegen das System auflehnen.
 
Wer dazu nicht bereit ist, für den ist Volker Kitz Plädoyer für den Feierabend ein guter Ratgeber, die Dinge wieder in die richtigen Verhältnisse zu setzen. Eine ganz ähnliche Stossrichtung verfolgte er übrigens bereits im „Frustjobkillerbuch“, in welchem er klar machte, dass man in jedem Job auf gewisse Probleme stösst. Diese seien nun mal mit der Arbeitswelt und dem menschlichen Zusammensein untrennbar verbunden.
 
So kann ein Weg zu mehr Zufriedenheit im Arbeitsleben tatsächlich darin liegen, sich zu fragen, was für einen selber wichtig und unverhandelbar ist. Ist es eine gute Bezahlung? Ist es autonomes Arbeiten? Ist es Kollegialität? Sind es die Aufstiegsmöglichkeiten? Das muss jeder für sich selber definieren und entsprechende Änderungen anpacken. Volker Kitz ist keinesfalls der Ansicht, sich dem beruflichen Schicksal einfach fügen zu müssen. Aber wer alle Ansprüche erfüllt haben will, wird zwangsläufig unzufrieden. Das gilt nicht nur im Job.


Bildquelle: Thinkstock

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