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14. Februar 2016
Die Du-Kultur wird innerhalb von Unternehmen immer beliebter. Was bringts?
Mit flacheren Hierarchien liegt es auf der Hand, dass sich alle Angestellten duzen. Eine solche Massnahme weckt aber auch falsche Erwartungen.

Von Manuela Specker
In vielen jungen Start-up-Unternehmen und in der IT-Branche gehört das Duzen zum guten Ton. Wer in diesem Umfeld siezen würde, käme sich wohl bald wie ein Ausserirdischer vor. Auch in internationalen Firmen geht das Du leichter über die Lippen – nur schon deshalb, weil oft Englisch gesprochen wird und es einfacher fällt, in der deutschen Sprache nicht plötzlich auf „Sie“ zu wechseln.

Das Beratungsunternehmen PricewaterhouseCoopers beispielsweise sieht das Duzen als wichtigen Teil seiner Unternehmenskultur und als verbindendes Element: „Das Du steht für unser wertschätzendes Miteinander“, heisst es auf der firmeneigenen Homepage. Bei Swisscom wurde das Du 2008 schweizweit eingeführt. Bis dahin hatten sich zwar schon die meisten Mitarbeitenden geduzt – neu galt dies über sämtliche Hierarchiestufen hinweg. Die Duz-Kultur hat sich fest etabliert und bereitet mittlerweile kein Kopfzerbrechen mehr.

Die verbreitete Du-Kultur ist Ausdruck von flacheren Hierarchien. Oft wird auch dort schnell zum Du gewechselt, wo diese Frage nicht geregelt ist. Allerdings ist das nicht automatisch Ausdruck eines wertschätzendes Miteinanders oder eines partizipativen Führungsstils. Hat sich eine Geschäftsleitung immer sehr distanziert und autoritär gegeben, wirkt das von oben verordnete „Du“ auf die Mitarbeitenden sogar anbiedernd. Dem „Duzis“ sollte eine Unternehmenskultur vorangehen, die tatsächlich auf einer unkomplizierten Zusammenarbeit basiert.  Mitarbeitende sollten sich – auch über Hierarchien hinweg – einbringen können und als selbstständig denkende Menschen behandelt werden.

So oder so herrschen in der Übergangsphase gewisse Unsicherheiten. Die alten Regeln, wonach der Hierarchiehöhere oder der Ältere das Du anbietet, gelten schliesslich plötzlich nicht mehr. Und nicht selten wird aus lauter Gewohnheit weiterhin gesiezt. Das verordnete „Du“ kann bei einigen sogar am Selbstwert kratzen: Wer zum Beispiel stolz war, die Entscheidungsträger in der Firma mit Du ansprechen zu dürfen, muss dieses Privileg nun plötzlich mit allen anderen teilen – sogar mit den Lernenden. Wird eine Du-Kultur eingeführt, gilt das nämlich in der Regel auch für die Jüngsten im Betrieb.

Die Bedingungen müssen klar kommuniziert werden, auch um peinliche Momente zu vermeiden. Zum Beispiel, indem man aus Versehen einen Verwaltungsrat duzt, wenn dieser von solchen Massnahmen eigentlich ausgenommen wäre, dies aber nicht ausreichend kommuniziert wurde. Fettnäpfchen lauern überall.

Stimmen die erwähnten Voraussetzungen, kann eine Du-Kultur einem Unternehmen tatsächlich Schub verleihen, den Austausch fördern und Hemmschwellen abbauen, Probleme anzusprechen. Sie weckt aber auch falsche Erwartungshaltungen. So kann es durchaus vorkommen, dass der oder die Vorgesetzte plötzlich als Kumpel angesehen wird und an Respekt einbüsst. Wer sich als Vorgesetzter bis anhin über die „Sie“-Ansprache von Mitarbeitenden abgrenzt hat, dürfte Mühe haben mit den neuen Gepflogenheiten. Umgekehrt stellen sich auch Angestellten so manche Fallstricke: Ist man mit dem Chef plötzlich per Du, kann es schwerer fallen, auch einmal Nein zu sagen.

Das Einführen einer Du-Kultur will also gut überlegt sein, sonst lösen die lockeren Umgangsformen eher Verkrampfung anstatt Entspannung aus. Auch kann sie nicht mehr einfach rückgängig gemacht werden. Es versteht sich von selbst, dass zum Du niemand gezwungen werden sollte: Wer weiter das Siezen präferiert, sollte keine Nachteile erleiden. Die Entwicklungen deuten aber ganz klar darauf hin, dass sich das Duzen noch weiter verbreiten wird. Bereits vor fünf Jahren gaben in einer Umfrage unter knapp 760 Personal-Managern lediglich 6 Prozent an, das ein „Du“ für die Zusammenarbeit eher zusätzliche Probleme schafft. 57 Prozent gingen davon aus, dass die Form der Ansprache keinen Unterschied ausmacht, und 37 Prozent waren der Ansicht, dass die Zusammenarbeit einfacher und unkomplizierter ist, wenn sich alle duzen.

Foto: Thinkstock

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