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26. Juli 2015
Wer seine Mundart bewusst einsetzt, muss sich dafür in der Arbeitswelt nicht schämen
Schweizerdeutsch gilt im Beruf oft als provinziell. Vor allem, wenn Ausländer mit am Tisch sitzen. Sprachtrainer plädieren für mehr Selbstbewusstsein – und dafür, den Mund aufzumachen.
 
Von Vera Sohmer
 
Wer Mundart spricht, ist ein dankbares Opfer für Witze. Der Klassiker schlechthin: Kommt der Handelsvertreter aus Hamburg zurück und erzählt: „Da hat doch glatt jemand zu mir gesagt: Superklasse, ich verstehe ja Schweizerdeutsch! Dabei habe ich mich so bemüht, Schriftdeutsch zu sprechen.“  Wie ungelenk es wirken kann, seinen alemannischen Dialekt glattzubügeln, weiss man indessen auch ennet der Grenze. Das deutsche Bundesland Baden-Württemberg, Hochburg des Schwäbischen, brachte es in einer gross angelegten Kampagne auf den Punkt: „Wir können alles. Ausser Hochdeutsch.“
 
Da mögen Angehörige anderer Sprachregionen ruhig spotten. Der Slogan hat etwas Sympathisches und Selbstbewusstes. So wie der Grundsatz jener Schweizer Geschäftsfrau, die sich sagt: „Ich liebe meinen Walliser Dialekt. Er gehört zu mir. Warum soll ich ihn verleugnen?“ Gleichwohl geht sie ins Sprachtraining. Nicht, um sich ihre Mundart wegschleifen zu lassen. Sie will an ihrer Aussprache feilen.
 
„Menschen mit Dialekt haben die Tendenz, undeutlich zu sprechen“, sagt Dana G. Stratil von der Zürcher Voice Power GmbH. Das tun sie nicht aus böser Absicht, sie reden einfach so, wie ihnen der Schnabel gewachsen ist. Und das klingt oft „genuschelt und schluffig.“ Die Folge ist, dass sie schlecht verstanden oder überhört werden. Sich Gehör verschaffen ist in der Arbeitswelt aber wichtig. Man muss sich in Meetings und Debatten durchsetzen, Projekte präsentieren, Ideen und Produkte verkaufen. Wer dabei mit der Aussprache schludert, wird übergangen und nicht ernst genommen.
 
Wenn Schweizer und Schweizerinnen belächelt werden, liegt es demnach nicht am Dialekt, sondern daran, wie sie ihn aussprechen. „Sprächen sie deutlicher, kämen sie besser an“, ist Dana G. Stratil überzeugt und demonstriert es mit ein paar Sätzen Zürichdeutsch. Ihre Stimme klingt kräftig, aber nicht penetrant, und sie spricht die Wörter klar aus.
 
Genau dies sollen ihrer Schüler und Schülerinnen lernen: Mund aufmachen, Lippe und Zunge aktiv einsetzen, der Stimme durch Körpereinsatz und Atemtechnik Resonanz geben – „es wie beim Singen richtig rauslassen“. Das braucht ein bisschen Mut, kommt der Mundart aber zugute. Sie wird nicht nur verständlicher, es verleiht ihr einen kernigen und schier unwiderstehlichen Touch. Funktioniert bei der Walliser Geschäftsfrau ebenso aufs Trefflichste.
 
Gut ausgesprochenes Schweizerdeutsch immer und überall? Auf die Situation und aufs Umfeld kommt es an – und darauf, ob Ausländer dabei sind. „Verstehen Sie Schweizerdeutsch oder soll ich Schriftdeutsch sprechen?“, lautet die Standardfrage. Eine zuvorkommende Geste, die Nicht-Schweizer zu schätzen wissen. Viele von ihnen bitten dann darum, es beim Dialekt zu lassen. Weil sie damit auch demonstrieren wollen, sich assimilliert zu haben. Zwar sprechen sie Schweizerdeutsch nicht selbst, oder sind daran gescheitert, es zu lernen. Aber sie verstehen es inzwischen. Vorausgesetzt eben, es wird gut artikuliert.
 
Ist die Geschäftsleitung überwiegend international besetzt, ziemt sich zumeist Schriftdeutsch. Das Beispiel Zürich belegt: Zwei von drei Akademikern und Führungskräften reden es im Job. Grund dafür sind die in grosser Zahl zugewanderten Fachkräfte aus Deutschland. Und natürlich ist Englisch bei mehr als der Hälfte der Manager die Businesssprache Nummer eins.
 
Schriftdeutsch oder Dialekt? Das ist eine entscheidende Frage auch dann, wenn jemand eine Rede hält. Überlegen Sie es sich gut, rät Kommunikationstrainer Patrick Rohr in seinem Buch „Reden wie ein Profi“. Sich fürs eine oder fürs andere zu entscheiden, sei wesentlich für die Vorbereitung, nämlich fürs Manuskript. Es in „Dialekthochdeutsch“ zu verfassen hilft jenen, die auf Schweizerdeutsch reden wollen. Weil so dessen Besonderheiten gleich miteinfliessen können, zum Beispiel die Vergangenheitsform „isch gsi“ beziehungsweise „sind gsi“. Im Schriftdeutschen heisst es hingegen „war“ und „waren“. Solche Unterschiede gibt es zuhauf und machen es schwierig, einen in Schriftsprache abgefassten Text spontan im Dialekt abzulesen. Darüber dürfte selbst ein routinierter Mundart-Redner stolpern.


Foto: Thinkstock

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