Auf dem Abstellgleis

Beförderungen schmeicheln dem Ego – sie können sich aber auch als Falle entpuppen.

Karriere allgemein
Veröffentlicht am 28.09.2019 von Manuela Specker - Bildquelle: GettyImages

Es ist ein alter Trick, der aber gerade von den Betroffenen viel zu spät oder gar nicht als solcher wahrgenommen wird: Unliebsame Mitarbeitende auf eine Stufe zu befördern und sie mit Arbeiten zu betrauen, die sie komplett überfordern, so dass der Arbeitgeber nach einer Weile die Kündigung nahelegen kann. Vor allem gut bezahlte Führungskräfte können diesem Szenario ausgesetzt sein, weil Firmen dadurch mögliche teure Abfindungen umgehen. Aber es trifft auch den normalen Angestellten. „Nicht jede Beförderung ist eine Anerkennung der erbrachten Leistung oder bietet berufliche Chancen. Die sogenannte vergiftete Beförderung ist vielmehr eine heimtückische Falle und dient nicht selten der Vorbereitung einer Kündigung“, warnt Jochen Mai, Gründer des „Karrierebibel“-Blogs.  Er beschreibt das Dilemma aus Sicht der Firmen: Leistungen, die hinter den Erwartungen zurückliegen, seien in der Regel kein Kündigungsgrund, und schwerwiegende Fehler würden selten vorkommen.

Mitarbeitende sollen den ersten Schritt machen
In der Schweiz kann zwar jederzeit eine Kündigung ausgesprochen werden. Wenn diese den Mitarbeitenden aber unvorbereitet und somit ohne Verwarnung trifft, könnte er dagegen klagen. Hinzu kommt, dass manche Unternehmen den Konflikt scheuen und alles dafür tun, dass der Mitarbeitende, der ins Visier geraten ist, den ersten Schritt macht – auch, um die übrige Belegschaft nicht in Unruhe zu versetzen, indem ein Mitarbeiterkollege rausgeschmissen wird. Kündigungen sind gerade in kleinen und mittelgrossen Betrieben ein heisses Eisen, verunsichern immer auch die übrige Belegschaft und ziehen die Produktivität in Mitleidenschaft.

Es verwundert nicht, dass die Wegbeförderten nicht erkennen, wie ihnen geschieht: Eine solcher Akt schmeichelt erst einmal dem Ego. Diesem Mechanismus können sogar die kritischen Stimmen in einem Unternehmen erliegen: Indem sie mit höheren Weihen ausgestattet werden, löst dies bei den Beförderten oft das Gefühl aus, für die eigenen Leistungen wertgeschätzt zu werden. Schon lassen sie sich zähmen und konzentrieren sie sich darauf, den neuen Anforderungen gerecht zu werden und die Verantwortlichen in ihrem Personalentscheid zu bestätigen. Zu spät merken sie, dass sie, so sehr sie sich auch anstrengen, nie den Hauch einer Chance haben, den neuen Anforderungen gerecht zu werden. Denn nicht selten gehen solche Beförderungen damit einher, dass in der neuen Position bewusst auch die Ressourcen eingeschränkt werden, sei es finanziell oder personell.

Beförderungen können also immer auch ein Machtmittel sein. Man muss als Arbeitnehmerin, die mit einer höher gestellten Position ausgestattet wird, gänzlich unkorrumpierbar und unabhängig von der Anerkennung im Beruf sein, um solche psychologischen Tricks auf Anhieb zu durchschauen – und die Beförderung dankend abzulehnen.

Beförderungen nicht immer nachvollziehbar
Überhaupt folgen Beförderungen längst nicht immer einer nachvollziehbaren Logik. „Wird ein Abteilungsleiter um eine Empfehlung gebeten, welcher seiner Angestellten befördert werden soll, wird er sich häufig für eine weniger gute Kraft entscheiden, da er diese als entbehrlich für seine eigene Arbeit einstuft“, beschreibt der Managementberater und Buchautor Ferdinand Fournies einen typischen Mechanismus. Er weiss sogar von unbequemen Verwaltungsräten, denen im betreffenden Unternehmen ein Posten verschafft wurde, um sie auf diese Seite ziehen.

Arbeitnehmende können dem Schicksal der Wegbeförderung nur entgehen, wenn sie ihr Ego und Statusdenken in diesem Moment auf die Seite schieben und sich kritisch fragen: Kann ich das und will ich das, was mir angeboten wird? Wie schaut das Aufgabengebiet genau aus, und mit welchen Ressourcen ist dieses zu bewältigen? Ist meine Position im Team gefestigt? Gibt es andere, die für die Stelle viel besser qualifiziert wären? Wer einmal Ja gesagt, kommt schwerlich wieder raus, denn es fällt schwer einzugestehen, den Anforderungen nicht gerecht geworden zu sein – darum bleibt oft nur die Kündigung als letzte Option. 

 

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