Bitte aufstehen!

Wer viel sitzt, hat eine geringere Lebenserwartung. Das sollte Büromitarbeitende aufhorchen lassen.

Karriere allgemein
Veröffentlicht am 10.02.2018 von Manuela Specker

Der Mensch, einst ein Jäger und Sammler, ist nicht zum Sitzen geboren worden. Aber es wird schnell einmal zur Macht der Gewohnheit. Bereits Mitte des 19.Jahrhunderts hielt der Schriftsteller Henry David Thoreau seinen Zeitgenossen den Spiegel vor – zu einer Zeit notabene, als noch keine Computer die Menschen an die Stühle fesselte. Er wunderte sich über Handwerker und Ladenbesitzer, die ganze Tage in ihren Werkstätten und Läden verbrachten, „viele von ihnen auch noch mit gekreuzten Beinen – als wären Beine nicht zum Stehen und Gehen, sondern zum Sitzen gemacht“, wundert er sich in seinem Essay „Vom Spazieren“ über die mangelnde Bewegungsbereitschaft.
 
Heute käme er aus dem Staunen nicht mehr heraus. 11 Stunden tägliches Sitzen sind keine Seltenheit. Der grosse Teil davon sammelt sich in der Büroarbeit an. Weil sich die Folgen nicht sofort zeigen, gibt es oft auch keinen Grund, etwas an seinen Sitzgewohnheiten zu ändern. Doch zahlreiche Studien belegen den fatalen Effekt dieser passiven Position auf die Gesundheit. Eine Beobachtungsstudie über einen Zeitraum von 14 Jahren unter 120 000 Amerikanern förderte beispielsweise zu Tage, dass Männer, die täglich sechs oder mehr Stunden im Sitzen verbracht hatten, eine um 20 Prozent höhere Sterberate hatten als jene, die nur bis zu drei Stunden täglich im Sitzen arbeiteten.
 
Aber warum ist das Sitzen - ganz abgesehen vom damit verbundenen Bewegungsmangel – so gesundheitsschädigend? Es verkürzt die Rückenmuskulatur, schwächt Bauch-, Bein- und Gesässmuskeln und beeinträchtigt sogar die Organfunktionen und die Durchblutung.
 
Alle diese Faktoren, gepaart mit einem Bewegungsmangel, erhöhen das Risiko einer Herz-Kreislauf-Erkrankung. Nicht zu unterschätzen sind auch die Auswirkungen auf die Psyche: Wer vor lauter Sitzen nicht mehr zum Bewegen kommt, ist schneller müde und baut Stresshormone schlechter ab. Jeder weiss von der wohltuenden Wirkung eines bewegungsreichen Aufenthaltes im Freien. Es fühlt sich tatsächlich so an, als würde man den „Kopf durchlüften“. Und doch sind viele wie gefangen an ihren Bürostuhl, abends fühlen sie sich zu müde, um für Bewegung zu sorgen - ein Teufelskreis. Haltungsschäden, welche die Bandscheiben übermässig beanspruchen, sind oft nur noch eine Frage der Zeit. Schmerzen und Verspannungen im Schulter- und Nackenbereich lassen grüssen.
 
Dabei könnte man mit wenig Aufwand Gutes für seine Gesundheit tun. Australische Mediziner wiesen in einer im „European Heart Journal“ veröffentlichten Untersuchung nach, dass eine Verringerung der täglichen Sitzzeit zugunsten von Stehen und mehr Bewegung gut ist für den Stoffwechsel und das Herz-Kreislaufsystem. So hatten die aktiveren Studienteilnehmer zum einen eine geringere Tendenz, übergewichtig zu werden. Das verwundert nicht: Das lange Sitzen schwächt nicht nur die Muskulatur, sondern hemmt auch die Produktion des Enzyms Lipoproteinlipase, das als Katalysator beim Fettabbau dient. Zum anderen wiesen die Vielsitzer im Durchschnitt einen schlechteren Blutzuckerspiegel und schlechtere Blutfettwerte auf als jene, die für mehr Bewegung sorgten.
 
Immerhin sind immer mehr Arbeitsplätze mit Stehpulten ausgerüstet. Es empfiehlt sich allerdings nicht, die ganze Arbeit im Stehen zu verrichten, da dies die Muskulatur übermüdet und ebenfalls Haltungsschäden hervorrufen kann. Die Suva empfiehlt Büromitarbeitenden mit Stehpult, etwa 30 Prozent der Arbeit im Stehen zu verrichten.

Tipps für mehr Bewegung im Büroalltag

  • Die Haltung am Schreibtisch regelmässig verändern, um einseitige Rückenbelastungen zu vermeiden. Immer mal wieder aufstehen und den Körper strecken
  • Die Treppe anstatt den Lift nehmen
  • Die Mittagspause für einen Spaziergang nutzen
  • Wenn es die Distanz zulässt: mit dem Velo zur Arbeit gehen. Wer mit dem ÖV unterwegs ist: eine Haltestelle früher aussteigen.
  • Den Bürostuhl so einstellen, dass die Rückenlehne beim Zurücklehnen mitschwingt.
  • Wer kein Stehpult hat, kann selber für entsprechende Gelegenheiten sorgen. Warum nicht einfach im Stehen telefonieren?

Bildquelle: Thinkstock