Die Liebe in Zeiten der Karriere

Büroromanzen können zum Stolperstein werden – aber auch Flügel verleihen

Karriere allgemein
Veröffentlicht am 24.11.2018 von Manuela Specker - Bildquelle: Thinkstock

Raiffeisen-CEO Patrik Gisel musste wegen seiner bekannt gewordenen Liaison mit der ehemaligen Raiffeisen-Verwaltungsrätin Laurence de la Serna per sofort abtreten, auch wenn er beteuerte, die Beziehung habe erst nach ihrem Rückzug aus dem Verwaltungsrat begonnen. Aber die Liebe, sie ist nun mal keine trennscharfe Angelegenheit. Und an diesem Fall zeigen sich einmal mehr ihre Gesetzmässigkeiten: Je weiter oben in der Hierarchie, desto problematischer ist es, wenn Amors Pfeil innerhalb des Unternehmens trifft. Wegen der vielschichtigen Abhängigkeiten, aber auch wegen der Glaubwürdigkeit, die es zu verlieren gibt. Interessenkonflikte sind programmiert. Diese gehen aber nie nur Einzelpersonen an, sondern im Falle eines CEOs, der eine Beziehung mit einer Mitarbeiterin oder – noch schlimmer – mit einem Mitglied oder Ex-Mitglied des Aufsichtsgremiums unterhält, immer die ganze Firma.

Schon bei einem Vorgesetzten, der plötzlich mit einer Mitarbeiterin anbandelt (oder natürlich umgekehrt), bleibt nichts mehr beim Alten. Selbst wenn sich das neue Paar nichts anmerken lässt und sich am Arbeitsplatz wie Arbeitnehmende und nicht als Liebespaar benimmt, steht es doch latent unter Verdacht, sich irgendeiner Weise zu bevorzugen. Immer dort, wo Abhängigkeitsverhältnisse ausgenutzt werden könnten, wäre es fahrlässig, die Gefühle über alles zu stellen. Lieber früh für Transparenz sorgen und selber einer Versetzung ins Auge fassen – oder gar einen Wechsel des Arbeitgebers. Abhängigkeitsverhältnisse können sich aber auch erst später für eine Seite – meistens jene der Frau – zum grossen Nachteil erweisen und eine Karriere in einem Unternehmen abrupt beenden.  

Beziehungen, die am Arbeitsplatz entstehen, sind aber nicht in allen Konstellationen problematisch. So eine Sichtweise wäre ziemlich realitätsfremd, lernen sich doch viele Paare am Arbeitsplatz kennen. Das kann sogar einen grossen Motivationsschub auslösen.  Die Soziologin Phyllis Moen von der University of Minnesota untersuchte einst das Phänomen und kam zu einem überraschenden Ergebnis: Paare, die für dieselbe Firma arbeiten, fühlen sich gegenüber ihrem Arbeitgeber stärker verpflichtet, sind loyaler und engagieren sich mehr. Auch privat ist die Zufriedenheit höher, «weil Paare das Nebeneinander von Job und Privatleben besser managen können», heisst es ihrer Studie. So seien es vor allem Partner mit Kindern, die profitieren, wenn sie beim gleichen Arbeitgeber angestellt sind.

Hinzu kommt, dass man sich zumindest in Bezug auf die Arbeit selten erklären oder rechtfertigen muss – das erspart dem Paar die eine oder andere Reibungsfläche. Und genau genommen spricht es für das Arbeitsklima, wenn zwei sich finden und gemeinsame Wege gehen wollen. Bei aller Euphorie hat das Ganze natürlich auch eine Schattenseite: Wenn es in der Beziehung kriselt und auch am Arbeitsplatz kaum Distanz besteht – zum Beispiel, weil man dieselben Büroräumlichkeiten teilt - kann das sowohl die Partnerschaft zusätzlich belasten als auch die Produktivität am Arbeitsplatz in Mitleidenschaft ziehen.

In der Regel gilt: Paare, die nicht in einem Subordinationsverhältnis stehen und sich professionell verhalten, sind für eine Firma unbedenklich. Professionell heisst: Sie sind sich der unterschiedlichen Rollen jederzeit bewusst. Die Soziologin Phyllis Moen ist überzeugt, dass es in Zukunft sogar mehr Paare geben wird, die entweder zusammenarbeiten oder in der gleichen Firma angestellt sind, gerade weil sie vermehrt über eine gleichwertige Ausbildung verfügen. «Unternehmen können das zu ihrem Vorteil nutzen. Wenn sie Partner im Duopack anstellen, machen sie sich für Top-Qualifizierte attraktiv.»

Der Arbeitsplatz als Partnerbörse: Das erstaunt nicht angesichts der Tatsache, wieviel Zeit die Menschen bei der Arbeit verbringen. Nur ganz so weit wie in den USA, dem Land der Klagen, wird es in der Schweiz wohl nie kommen. Dort können Firmen den Paaren vorschreiben, einen sogenannten „cupid contract“ zu unterschreiben. Sie bestätigen so schriftlich, dass sie die Beziehung freiwillig eingegangen sind. Auf diese Weise wollen sich amerikanische Firmen vor Klagen wegen sexueller Belästigung schützen.