Freude statt lästige Pflicht

Was ist aus der Idee der „Neuen Arbeit“ des Philosophen Frithjof Bergmann geworden?

Karriere allgemein
Veröffentlicht am 16.03.2019 von Manuela Specker - Bildquelle: GettyImages

Der 88-jährige Philosoph und Anthropologe Frithjof Bergmann ist ein gern gesehener Gast an Veranstaltungen aller Art, die sich mit der Arbeitswelt befassen, und er ist ein gefragter Berater für Unternehmen aller Art. Vielleicht, weil er eine Auffassung von Arbeit vertritt, von der insgeheim alle träumen – von der wir uns aber mehr denn je entfernt haben.

Bergmann fordert schon seit Jahrzehnten, dass Arbeit die Menschen erfüllen und ihnen ein selbstbestimmtes Leben ermöglichen soll. Dass also endlich der Mensch und seine Bedürfnisse im Zentrum stehen, und nicht kapitalistisches Gewinnstreben, dem sich alles und alle unterordnen. Eine Utopie, gewiss, nur scheint sich die Arbeitswelt nicht einmal annähernd in diese Richtung entwickelt zu haben: „Die Menschen sind in Jobs gefangen, die zwar ihren Lebensunterhalt sichern, aber unbefriedigend sind“, so Bergmann.

Zwar stehen sie heute in der Regel nicht mehr am Fliessband, wo sie den ganzen Tag die immer gleichen Bewegungen machen. Aber gerade die Dienstleistungsökonomie oder die Wissensarbeit haben Bedingungen geschaffen, die nur nach aussen nach mehr Selbstbestimmung aussehen. In Tat und Wahrheit haben sie die Menschen anderen Zwängen unterworfen: ständige Erreichbarkeit, unsinnige Prozesse, viel zu viele und zu lange andauernde Sitzungen, um nur ein paar Beispiele zu nennen. Das Gefühl der Überforderung ist nie weit weg. Oder das Gefühl, in keinem Bereich des Lebens richtig genügen zu können. Die auf permanente Optimierung und Verbesserung angelegte Lebensweise fordert ihren Tribut.

Freiheitsversprechen ist eine Persiflage
Laut Bergmann ist das Freiheitsversprechen eine Persiflage – die Menschen würden dadurch nur noch mehr ausgenutzt. Oder sie nutzen sich selber aus. Mobiles und flexibles Arbeiten ermöglichten zwar flexibles Arbeiten, aber mit echter Selbstbestimmung habe das nichts zu tun. Dabei würde gerade die Digitalisierung die Chance bieten, Arbeit neu zu denken und zu organisieren. Menschen sollen sich nicht mehr endlos in der Lohnarbeit erschöpfen, zu der sie gar keinen Bezug mehr haben.

Dass Frithjof Bergmann kein Utopist ist, bewies er in den 80er-Jahren gleich selber: Damals drohten wegen der zunehmenden Automatisierung vielen Mitarbeiten von General Motors in Flint (Michigan, USA) der Stellenverlust. Bergman schlug in dieser Situation vor, ein Schichtsystem einzuführen anstatt Entlassungen auszusprechen. Die eine Hälfte der Belegschaft wurde für sechs Monate freigestellt, während die andere Hälfte arbeitete. In diesen sechs Monaten würden sie sich in seinem neu gegründeten „Zentrum für neue Arbeit” neu orientieren können und zusammen mit Wissenschaftlern und Betreuern herausfinden, wo ihre Interessen liegen.

Tatsächlich entdeckten sie alternative Wege, die ihnen vermutlich verborgen geblieben wären, wenn sie – wie es die Gesellschaft oft erfordert – sich krampfhaft und sofort nach einem neuen Job umgesehen hätten. Manche eröffneten ein Yoga-Studio und wurden Lehrer, andere packten eine universitäre Ausbildung an. „Wenn der Mensch den Freiraum bekommt, sich selbst zu entdecken, wird er ihn nutzen“, ist Bergmann überzeugt.  In seinem Ideal wäre die Arbeitszeit eines Menschen gedrittelt: Ein Drittel der Zeit ginge auf die bisherige Lohnarbeit, das zweite Drittel entspräche der Tätigkeit, die wir wirklich wollen, und das letzte Drittel werde dazu genutzt, 60 bis 80 Prozent von dem, was wir zum Leben brauchen, selbst herzustellen.

Mehr auf sich selber hören statt sich anpassen
Eines der Haupthindernisse ortet er darin, dass die Menschen verlernt hätten, auf sich selbst zu hören. Unsere Kultur basiere darauf, sie dem System anzupassen – und nicht umgekehrt. Doch das sei der falsche Zugang. „Zu wissen was man will, dabei unterstützt zu werden und das auch noch zu erreichen – das ist eine ganz neue Art zu leben." So wie er das in seinen Zentren für neue Arbeit vorlebt. Das ist für ihn ein entscheidender Punkt in der „New Work“-Bewegung: Dass die Menschen in ihrer Neuorientierung unterstützt und ermutigt werden, ihrem Innersten zu folgen, anstatt äussere Ansprüchen erfüllen zu wollen. Das brauche Zeit, Energie und viel Raum zum Experimentieren. Jenen, die keinen Schimmer haben, was sie im Leben wirklich wollen, empfiehlt Bergmann, sich zu erinnern, was ihnen in der Vorwoche überraschend Freude bereitet hat. Das sei oft schon ein zentraler Hinweis.

 

 

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