Gehaltstransparenz: Verdienst als Tabuthema?

Was in einigen skandinavischen Ländern gang und gäbe ist, haben sich auch Initiativen wie „Zeig deinen Lohn“ zum Ziel gesetzt: Jeder soll wissen, was sein Gegenüber verdient. Damit will man vor allem eine Diskussion über Lohngerechtigkeit zwischen den Geschlechtern anstossen.

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Veröffentlicht am 30.05.2019 von myjob - Bildquelle: iStock

Knapp über 10.000 Franken betrug das durchschnittliche Haushaltseinkommen pro Monat in der Schweiz im Jahr 2016. Das ist die aktuellste Zahl, die das Bundesamt für Statistik auf seiner Website bereitstellt. Nach Abzug der Standards – etwa den Beiträgen zur Sozialversicherung sowie der Steuern – belief sich das verfügbare Haushaltseinkommen im Schnitt auf 7.124 Franken. 

Über die reale Lebenssituation der Schweizerinnen und Schweizer sagt das jedoch wenig aus. Die hatten zu diesem Zeitpunkt nämlich oft deutlich weniger, zum Teil aber auch eine Menge mehr Geld zur Verfügung, um ihren Lebensunterhalt zu bestreiten. 

Nicht zu viel preisgeben
So kommt laut Statistik-Amt jeder zehnte Schweizer Bürger auf weniger als 26.926 Franken an verfügbarem Jahreseinkommen. Dem stehen aber zehn Prozent der Schweizerinnen und Schweizer gegenüber, die nach Abzug der Standards mehr als 90.671 Franken im Jahr übrig hatten. Vier Fünftel der Bürger liegen demnach irgendwo zwischen diesen Extremen. Darüber reden wollen aber nur wenige.

Auf der einen Seite ist es die Scham derjenigen, welche ein geringes Einkommen haben – und mitunter von Armut bedroht sind –, die sie schweigen lässt. Auf der anderen Seite ist es nicht im Interesse der tatsächlichen Grossverdiener, dass allzu viele Details über ihre finanzielle Situation bekannt werden. Man will ja weder Neider noch Kriminelle auf sich aufmerksam machen. 

Das skandinavische Modell
Und dennoch funktioniert genau das – nämlich eine umfassende Gehaltstransparenz – in anderen Ländern recht gut. Gerade in Skandinavien geht die Gesellschaft mit diesem Thema völlig anders um: In Schweden kann die finanzielle Situation von Freunden, Nachbarn und Bekannten bequem bei den Behörden erfragt oder über Internetdienstleister eruiert werden. Auffällig geringe Steuerpflichten bei Grossverdienern würden damit rasch öffentlich bekannt werden. Und auch in Norwegen gibt es eine öffentlich einsehbare Steuerliste, die jährlich aktualisiert wird.

Lohngerechtigkeit als Anliegen
In der Schweiz beschäftigen sich ebenfalls Bürgerinnen und Bürger mit dem Thema. Die Website Lohntransparenz.ch (www.lohntransparenz.ch) zeigt mit über 100 Beispielen auf, wie unterschiedlich Männer und Frauen entlohnt werden. Da wird etwa die 31-jährige Bäckerin ihrem gleichaltrigen Berufskollegen gegenübergestellt. Sie verdient laut Statistik 54.400 Franken im Jahr, er 66.175 Franken. Die 47-jährige IT-Projektleiterin wiederum kommt auf 117.000 Franken im Jahr, ihr männlicher Kollege auf 150.268 Franken.

Die Initiative „Zeig deinen Lohn“ (www.zeigdeinenlohn.ch) wiederum ruft Schweizerinnen und Schweizer dazu auf, sich zu offenbaren. Eine ganze Menge sind dem Aufruf bereits gefolgt und präsentieren sich mit einem Foto samt Angaben zum Beruf und ihrem aktuellen Verdienst. Auch hier steht das Anliegen im Hintergrund, für Lohngerechtigkeit – insbesondere zwischen den Geschlechtern – zu sorgen.

Diese erfrischenden Zugänge regen zur Diskussion an, es wird eine Enttabuisierung angestossen. Bis jeder und jede von uns aber frei von der Leber erzählt, wieviel Geld er oder sie verdient bzw. besitzt, wird aber aller Voraussicht nach noch einiges geschehen müssen.

Quellen:
https://www.bfs.admin.ch/bfs/de/home/statistiken/wirtschaftliche-soziale-situation-bevoelkerung/einkommen-verbrauch-vermoegen/haushaltsbudget.html 
https://www.bfs.admin.ch/bfs/de/home/statistiken/wirtschaftliche-soziale-situation-bevoelkerung/wohlbefinden-armut/ungleichheit-einkommensverteilung/einkommensverteilung.html

 

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