Nur keine falsche Bescheidenheit

Ohne Fleiss kein Preis? Wer Karriere machen möchte, muss sich vor allem sichtbar machen.

Karriere allgemein
Veröffentlicht am 26.01.2019 von Manuela Specker - Bildquelle: Gettyimages

Die Zahlen sind beängstigend: Wie die Karriere verläuft, hat laut Studien nur zu 10 Prozent mit Fleiss und Fachkompetenz zu tun. Entscheidender sind das Image (30 Prozent) sowie der Bekanntheitsgrad (60 Prozent). Produktivität, ein hoher Qualitätsanspruch, Loyalität und Gewissenhaftigkeit zahlen sich also nicht automatisch aus. Es nützt herzlich wenig, wenn man besser ist als andere, aber dies von niemandem bemerkt wird. Sichtbarkeit lautet das Schlagwort: Nur wer seine Leistung nach aussen hin für andere sichtbar machen kann, wird grosse Sprünge auf der Karriereleiter machen. Klammheimlich Top-Leistungen erbringen mag für das eigene Zufriedenheitsgefühl gut sein. Die Gefahr ist aber gross, in einer Arbeitswelt, die auf laute Töne setzt, unter die Räder zu geraten.

Das gilt auch für jene, denen Networking ein Gräuel ist. Dabei sollten gerade auch informelle Anlässe nicht unterschätzt werden. „Karrieren werden an der Bar entschieden“, heisst es doch so schön. Die besten Netzwerker streuen ihre Netzwerke möglichst breit und beschränken sich nicht auf das Unternehmen, in dem sie gerade arbeiten. Kontakte, die bei Weiterbildungen, Kongressen oder sonstigen Terminen geknüpft und gepflegt werden, können sich bald einmal als Türöffner erweisen. In der Tat werden heute viele Jobs unter der Hand vergeben.

Nun behagt es längst nicht allen Mitarbeitenden, sich ständig zu vernetzen. Tue Gutes und sprich darüber – manchmal sind es gerade die besten Mitarbeitenden, denen es zuwiderläuft, sich selber in Szene zu setzen. Sie konzentrieren sich lieber auf die Arbeit. Selbstmarketing ist ihnen ein Gräuel, Netzwerken erst recht. Nur sollten sie sich nicht wundern, wenn sie dann bei Beförderungen übergangen werden. Und vor allem sollten sie nicht anfangen, an sich zu zweifeln, sondern sich der Beförderungsmechanismen bewusst sein und entweder etwas dagegen unternehmen oder sich nicht ärgern.

Ein Anreiz, sich etwas mehr um das Selbstmarketing zu kümmern, ist oft dann gegeben, wenn man beruflich von jemandem überholt wird, der vor allem eine laute Klappe hat, aber kaum Substanz liefert. Warum das Feld diesen Windmaschinen überlassen?  Generell ist in solchen Fällen sehr zu empfehlen, in die Offensive zu gehen und sich nicht als Opfer zu sehen.

Der Businesscoach Hans-Georg Lauer zum Beispiel erlebt immer wieder, wie Arbeitnehmende in ihren Verhaltensmustern gefangen sind und deshalb karrieretechnisch keinen Schritt vorwärtskommen. Er erzählt von einem Mitarbeitenden, der von seinem Chef auf kleiner Flamme gehalten wurde, weil dieser die anspruchsvolle Arbeit lieber selber erledigen wollte und so die Lorbeeren einheimste. Der Mitarbeiter blieb so nahezu unsichtbar, was ihn immer mehr frustrierte.

„Mein Klient hatte es schlicht versäumt, seinen Aufgabenbereich auch gegen Widerstand auszudehnen, obwohl er hierzu immer wieder gute Ideen für das Unternehmen entwickelte“, beschreibt Lauer das Dilemma. Sein Ratschlag: selbstbewusst die Grenzen des eigenen Aufgabenbereichs ausweiten. Der besagte Klient wandte sich bei seiner nächsten Idee an die nächsthöhere Hierarchiestufe, nachdem er bei seinem Vorgesetzten auf taube Ohren gestossen war – mit dem Resultat, dass er tatsächlich mit der Verantwortung für das Projekt betraut wurde, sich so neue Entwicklungsschritte eröffnete und am Ende seinen nächsten Karriereschritt machen konnte. 

Das soll nicht etwa ein Plädoyer dafür sein, Dienstwege konsequent zu ignorieren. Je nach Firmenkultur kann das auch ins Auge gehen. Aber es steht symbolisch dafür, sich an anderen Orten sichtbar zu machen, wenn der Vorgesetzte nicht die gewünschte Entwicklungsperspektive bietet – anstatt die eigene berufliche Entwicklung von den Gnaden des direkten Vorgesetzten abhängig zu machen.

 

 

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