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Ziemlich beste Feinde!

Veröffentlicht am 07.06.2015
Chef und Mitarbeitende - Ziemlich beste Feinde  - myjob.ch
Karrierecoach Martin Wehrle sagt, wie sich Angestellte besser mit Ihren Vorgesetzten vertragen
Chefs und Mitarbeitende sitzen in einem Boot, rudern aber nicht immer in dieselbe Richtung. Woran liegt das? Undwas können Mitarbeitende zu einem entspannteren Verhältnis beitragen?

Von Martin Wehrle*

Mein Chef ist ein Brüllaffe!» Natascha M., 33, sitzt bei mir im Karriere-Coaching und schüttelt ihren Kopf so schnell, als wollte sie eine böse Erinnerung abwerfen. Zum Beispiel die, wie ihr Chef sie vor versammelter Mannschaft als «ungeduldig und eigensinnig» beschimpft hat. «Nur weil ich eine winzige Entscheidung getroffen habe, ohne ihn vorher zu fragen», sagt die Betriebsökonomin.

Dabei wollte sie doch in die Freiheit flüchten, als sie sich vor zwei Jahren um den Job in einem Familienunternehmen bewarb. Die Stellenausschreibung war gewürzt mit Vokabeln wie «Eigenverantwortung» und «kurze Entscheidungswege». Genau das Richtige, dachte sie. Aber davon, «dass man keinen Bleistift spitzen darf, ohne den Chef vorher zu fragen», war nicht die Rede.

Wer einen Chef hat, hat ein Problem. Immer mehr Mitarbeiter sind unzufrieden. Sie fühlen sich nicht mehr als wichtigstes Kapital der Firmen behandelt, nicht als «Aktiva in der Bilanz», wie es der Managementexperte Peter F. Drucker forderte – sondern als Störfaktor, der Führungskräfte vom eigentlichen Managen abhält. Schwierigkeiten mit dem Vorgesetzten gelten unter Personalexperten als Motivationsbremse Nummer eins.

Unsicherheit herrscht auch auf der anderen Seite. Oft stecken die direkten Vorgesetzten in einer Sandwich-Position. Von oben predigt die Geschäftsleitung das Sparen; von unten fordern die Mitarbeiter, dass Gehälter erhöht und Arbeitsplätze erhalten werden. Mancher Chef zerreibt sich zwischen diesen widersprüchlichen Erwartungen.

Doch bis heute fehlt es an einer geregelten Ausbildung für Manager. Man macht Karriere, weil man Experte für Buchhaltung, Baumzucht oder Byzantinistik ist – aber nicht fürs Führen. Personal-Fachmann Laurence J. Peter hat in diesem Zusammenhang das Peter-Prinzip entwickelt: Jeder Beschäftigte klettert die Berufshierarchie so weit hinauf, bis er seiner Aufgabe nicht mehr gewachsen ist. «Die Schlagsahne steigt so lange hoch, bis sie sauer wird», meint Peter. Der Galgenhumor könnte kaum deutlicher sein.

Sauer ist auch Natascha M. «Immer nur Vorwürfe, weil ich angeblich übers Ziel hinausschiesse! Aber bis heute hat mein Chef nicht definiert: Was darf ich entscheiden? Und was nicht?» Gespräche unter vier Augen fänden nicht statt. Da hätte sie auch gleich bei ihrem alten Arbeitgeber bleiben können, sagt Natascha M. Schon dort sei sie an zu kurzer Leine geführt worden von einem «kontrollwütigen Vorgesetzten».

Die Kommunikation zwischen Cockpit und Mitarbeiter-Klasse ist in vielen Betrieben gestört. Die Folgen dieses Blindflugs bleiben zunächst gefährlich unsichtbar. Statt den Arbeitgeber zu wechseln, kündigen frustrierte Mitarbeiter mittlerweile auf andere Weise: innerlich. Da züngelt kein Feuer aus dem Dach, da wuchert ein gefährlicher Schwelbrand.

Allerdings: Die Mitarbeiter sind nicht nur Opfer. Denn wenn ein Chef und ein Mitarbeiter zusammentreffen, kommt es zu einer systemischen Reaktion. Und wie die ausfällt, hängt von den Eigenschaften beider ab – des Chefs und des Mitarbeiters.

Auch bei Natascha M. ist das so. Hatte sie nicht schon bei ihrem letzten Job das Gefühl, ihr Chef sei kontrollwütig? Warum holt sie das gleiche Problem am neuen Arbeitsplatz wieder ein? Kann es sein, dass sich die Vorgesetzten durch ihre manchmal etwas forsche Art überfahren fühlen und deshalb die Leine eng machen? In solchen Fällen hilft eine Frage: «Haben die meisten Kollegen denn dieselben Probleme mit dem Chef?» – «Nein», sagt Natascha M., grübelt kurz und erläutert dann: «Bei denen ist er sicher, dass sie so wie er entscheiden.»

Am Ende der Beratung hat Natascha M. einen Plan. Sie will ihrem Chef die Angst vor einem Kontrollverlust nehmen, ein Gespräch unter vier Augen suchen, in dem ihr Entscheidungsrahmen definiert wird. Eine Regelung für Zweifelsfälle vereinbaren. Und sich schliesslich dazu bekennen, dass sie ihn und seine Vorgaben respektiert. Einfach wird das sicher nicht. Aber vielleicht wird er ihr dann auch mehr Freiraum geben. Leise, wie laut gedacht, sagt Natascha M.: «Vielleicht hab ich ihn ja auch zum Brüllaffen gemacht.» Und schüttelt wieder ihren Kopf. Diesmal ganz langsam.

*Der Erfolgsautor Martin Wehrle (44) gilt als Deutschlands bekanntester Karriere-coach, sein aktuelles Buch ist der Spiegel-Bestseller «Herr Müller, Sie sind doch nicht schwanger?!» In der Schweiz ist er als unterhaltsamer Vortragsredner bekannt, u.a. zu Führungskultur und Frauenförderung. Kontakt über: www.wehrle-redner.de


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