myjob
Karriere allgemein

Leistung vor Präsenz

Karriere allgemein
25. März 2017
Macht die 41-Stunden-Woche noch Sinn? Und was würde ein Arbeitstag von 6 Stunden für Firmen als auch für Arbeitnehmende bedeuten?
Von Manuela Specker

Es gibt für Arbeitnehmende in der Schweiz immer wieder Grund, neidisch in den hohen Norden zu blicken – nicht nur in Bezug auf den Elternurlaub. Gegenwärtig experimentieren manche Firmen in Schweden mit den Arbeitszeiten und lassen ihre Angestellten zwei Stunden weniger pro Tag schuften, zum selben Gehalt. Da sagt kaum jemand Nein. In den sozialen Medien wurde Schweden bereits als Land gefeiert, das den 6-Stunden-Tag eingeführt habe. Tatsache aber ist: Es sind nur einzelne Betriebe oder Start-ups, die ein solches Modell anbieten und damit die Aufmerksamkeit auf sich ziehen.
 
Mit dem Göteborger Altersheim Svartedalen reduzierte zwar auch ein staatliches Altersheim während zweier Jahre die Arbeitszeiten. Die Mitarbeitenden waren tatsächlich weniger krank und fühlten sich besser und produktiver. Die Ergebnisse sind trotzdem ernüchternd, da die Kosten eines solchen Modells völlig aus dem Ruder laufen. So mussten wegen der Reduktion der Arbeitszeit 17 zusätzliche Mitarbeitende eingestellt werden, was Kosten von über 1 Million Franken verursachte. Hinzu kommt, dass längst nicht immer genügend ausgebildete Fachkräfte vorhanden sind, um die entstandenen Lücken stopfen zu können.  
 
Das zeigt die problematische Seite eines solchen Modells auf. Denn um die Versorgung sicherzustellen, muss die reduzierte Arbeitszeit selbstverständlich kompensiert werden. An Orten wie Pflegeheimen oder Spitälern kann eine erhöhte Produktivität der Mitarbeitenden den Arbeitsausfall nie und nimmer kompensieren. Trotzdem lohnt es sich, das Modell mit den reduzierten Arbeitszeiten etwas genauer anzuschauen, da die Leistungsfähigkeit der Mitarbeitenden nachweislich steigt und sie weniger krank sind.
 
Die in der Schweiz definierte maximale Höchstarbeitszeit von 45 Stunden soll vor allem die Arbeitnehmenden schützen. Die Mindestarbeitszeit wiederum – in der Regel sind es 41 oder 42 Wochenstunden - scheint für die Unternehmen vor allem ein Kontrollinstrument zu sein, dass die Mitarbeitenden genug arbeiten und sich nicht etwa mit einem 6-Stunden-Tag begnügen.
 
Aber genau genommen sind gerade in der so genannten Wissensarbeit, in der geistige Tätigkeiten die Angestellten herausfordern, fix definierte Wochenstunden ein Anachronismus. Martin Cordsmeier, der Gründer der Stiftung „millionways“, welche Menschen dazu ermuntert, beruflich ihren ureigenen Interessen zu folgen, zweifelt den Sinn des „Nine-to-Five“-Modells schon lange an. „Entweder es gibt Arbeit oder es gibt keine. Aber wann man sie macht und wo man dafür sitzt, ist doch egal. Ich habe noch nie verstanden, was es soll, nach Präsenzzeiten zu arbeiten.“
 
So wie ein Bauarbeiter nicht 8 Stunden am Stück Schweres herumtragen kann, kann jemand, der zum Beispiel ein neues Produkt entwickelt, nicht nonstop auf Hochtouren laufen, sondern ist auch auf unproduktive Zeiten angewiesen. Geschätzt wird, dass Mitarbeitende in Büros im Durchschnitt rund zwei unproduktive Stunden pro Tag haben. Aber ihre Präsenz vor dem Computer suggeriert, sie würden arbeiten. Und so spielen alle ein bisschen Theater, obwohl sie schon längstens aus dem Büro sein könnten, ohne dass die Ergebnisse darunter leiden würden.
 
Die schwedische Softwarefima Filimundus lässt ihre Mitarbeitenden bewusst weniger arbeiten, bei gleichem Lohn und gleichen Sozialleistungen. Resultat: Die Mitarbeiter bleiben sechs Stunden bei der Sache und sehen davon ab, während der Arbeitszeit auf dem Internet zu surfen. Auch eine Untersuchung der OECD konstatiert, dass jene, die sechs statt acht Stunden pro Tag arbeiten, in dieser Zeit dafür mehr leisten.
 
So lange allerdings auch in Berufen mit geistigen Tätigkeiten die Präsenz höher gewichtet wird als die tatsächliche Leistung, haben kürzere Arbeitszeiten einen schweren Stand. Und selbst wenn sich eine Firma aus freien Stücken zum Sechs-Stunden-Tag bekennen würde, darf die soziale Kontrolle nicht unterschätzt werden. Sobald einzelne ausscheren und länger arbeiten, steigt der Druck auf die anderen, es ihnen gleich zu tun. Die Arbeitszeiten sind also nie nur eine Frage der gesetzlichen Regelung, sondern auch der Firmenkultur.


Bildquelle: Thinkstock

Weitere Artikel aus dem gleichen Themenbereich

Ein Fall für zwei

Ein Fall für zwei

30. Januar 2017 // Topsharing erfordert ein Umdenken – in Firmen, aber auch bei Führungskräften
 
Von Vera… Mehr

Praktikum als Chance

Praktikum als Chance

22. Mai 2016 // Wie der Berufsteinstieg für beide Seite gelingt
 
Praktika sind wenig prestigeträchtig,… Mehr

Mütter zurück in den Beruf - myjob.ch

Mütter zurück in den Beruf

12. Juli 2015 // Internet-Plattform „Jobs für Mama“: Gefragt sind bei Wiedereinsteigerinnen vor allem… Mehr