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Mythos gestresster Manager

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06. Juli 2014
Mythos gestresster Manager
Warum Arbeitslose und Alleinerziehende am stärksten unter Stress leiden
Mangelnde Selbstbestimmung und fehlende Anerkennung sind die grössten Stressfaktoren. Am schwierigsten haben es deshalb Mitarbeitende auf unteren Hierarchiestufen – und Erwerbslose.
 
Von Manuela Specker
Die Vorstellung von vielbeschäftigten Managern, die immer an der Grenze zum Kollaps arbeiten, ist in der öffentlichen Wahrnehmung fest verankert. Mit ihren vollen Terminkalendern, ihrer ständigen Erreichbarkeit  und der finanziellen und personellen Verantwortung, die auf ihren Schultern lastet, scheinen sie geradezu prädestiniert für ein Burn out. Der Erschöpfungszustand ist zweifellos zur Manager-Krankheit und damit auch zu einem Statussymbol geworden. „Ausbrennen“ kann nur, wer auch einmal innerlich gebrannt hat. Beim einfachen Arbeiter ist schon eher von „Depression“ die Rede.
 
Die Verwendung solcher Begriffe sagt also herzlich wenig über die Realität aus, sondern sie ist vielmehr ein Abbild unserer selektiven Wahrnehmung. Eine Untersuchung des deutschen Krankenversicherers DAK ist nun zu einem auf den ersten Blick unverschämten Schluss gekommen: "Je höher der berufliche Status, desto geringer der Stress“, fasst Jörg Marschall vom Forschungsinstitut Iges die Resultate zusammen. Für die Studie wurden Personen zwischen 25 und 40 Jahren nach ihrer Stressbelastung gefragt. Die Erkenntnisse waren bis zu einem gewissen Grad bereits in der Fragestellung angelegt. Zu den abgefragten Stress-Symptomen zählten nämlich Überforderung, mangelnde Anerkennung und Besorgnis.
 
Dieses Stress-Konzept hat mit der Vorstellung von Hektik und Zeitdruck nicht viel zu tun. Stress ist ja nicht per se negativ, sondern sorgt auch für Hochgefühle. Aus medizinischer Sicht ist aber ein ganz anderer Stress von Relevanz. Jener nämlich, der entsteht, wenn es einem an Selbstbestimmung und Kontrolle über das eigene Leben fehlt. So erstaunt es nicht, dass gemäss der DAK-Studie Arbeitslose gestresster sind als Erwerbstätige. Auch Beamte im mittleren Dienst klagen über ein höheres Stresslevel als Beamte im gehobenen Dienst. Besonders hoch ist das Stresslevel bei Alleinerziehenden und bei Studentinnen – bei ihnen spielt die Angst vor einer ungewissen Zukunft mit. „Frauen sind generell gestresster als Männer“, so Marschall. Das habe mit der Tendenz zu tun, sich für andere verantwortlich zu fühlen und somit der mangelnden Abgrenzung – nicht umsonst ist „Burn out“ ein Phänomen, dass zuerst in sozialen Berufen festgestellt worden ist, in denen mit Klienten gearbeitet wird.
 
Die Schlussfolgerungen der DAK-Studie finden sich auch in früheren Untersuchungen renommierter amerikanischer Wissenschaftler. "Das Stress-Niveau scheint zu sinken, je höher Führungskräfte auf der Karriereleiter steigen", stellten die Forscher um Gary Sherman von der Harvard University vor knapp drei Jahren fest. Das hat mit dem Gefühl der Kontrolle zu tun: Auf höheren Ebenen wachsen nicht nur die Möglichkeiten, Aufgaben zu delegieren, sondern auch, die Aufsicht über Mitarbeitende an andere Führungskräfte zu übertragen. „Es ist die Mischung aus Macht und der Möglichkeit zum Delegieren, die den Unterschied ausmachen.“
 
Zwar ist – wie so oft in solchen Studien – ein kausaler Zusammenhang nicht zwingend gegeben. Es kann genauso gut sein, dass Menschen, die es in Führungspositionen schaffen, generell weniger stressanfällig sind und gerade deshalb solche Positionen anstreben. Es sei aber davon auszugehen, dass auch diese Manager von den vielen psychologischen Vorteilen profitieren, die mit einer Rolle im Top-Management einhergehen, so das Fazit der Wissenschaftler. Wer oben angekommen ist, trägt zwar mehr Verantwortung, hat aber auch viel mehr Möglichkeiten, andere für sich arbeiten zu lassen und sich Freiheiten herauszunehmen. Das höhere Gehalt können die Beförderten als eine Art Schmerzensgeld für den Verzicht und die harte Arbeit sehen, die für diesen Karrieresprung nötig waren - und nicht etwa als Ansporn, mindestens so viel zu arbeiten wie früher.
 
Kurz zusammengefasst: Stress hat nicht in erster Linie etwas mit der Menge der Arbeit zu tun. Viele Berufstätige etwa empfänden ihr Privatleben als belastend und würden sich im Beruf erholen, meint Lutz Hertel, Psychologe und Berater für Gesundheitsmanagement. Letztlich geht es um Selbstbestimmung – und diese ist bei Arbeitslosen und Alleinerziehenden nun mal deutlich geringer, was sich in einem höheren Stresspegel ausdrückt. Das kann sogar biologisch nachgewiesen werden. Wissenschaftler der University of Pittsburgh haben an ihren Probanden den Anteil an den Stresshormonen Adrenalin, Noradrenalin und Cortisol gemessen und diesen Wert unter anderem mit dem Jahreseinkommen und dem sozialen Netzwerk der Probanden verglichen. Bei Personen mit höherem Einkommen und damit höherem sozioökonomischen Status lag der Hormonspiegel deutlich niedriger als bei den schlechter verdienenden.

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