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Karriere allgemein

Nur ein laues Lüftchen

Karriere allgemein
21. August 2016
Brainstorming gilt als Allzweckmittel für kreative Einfälle. Dabei ist Denken in der Gruppe eher hinderlich.
 
Von Manuela Specker
Sobald in einem Unternehmen neue Ideen oder unkonventionelle Lösungen gefragt sind, ist der Ruf nach einem Brainstorming nicht weit. Dabei konnte die psychologische Forschung schon längstens nachweisen, dass Brainstorming mehr schlecht als recht funktioniert. Die Teilnehmenden produzieren nicht nur weniger Einfälle als jene, die alleine brüten, sondern auch qualitativ schlechtere.  Trotzdem hält sich in den Unternehmen hartnäckig die Überzeugung, wonach doch etwas Gutes herauskommen muss, wenn mehrere gleichzeitig hirnen.
 
Es ist immer der gleiche Mechanismus, der dafür sorgt, dass an einem Brainstorming meist nur ein laues Lüftchen weht: Alleine aufgrund der Übungsanlage blockieren sich die Teilnehmenden gegenseitig. Es kann schliesslich nur eine Person aufs Mal reden. Die anderen müssen in dieser Zeit zuhören. Das schaffen sie aber auch nur bedingt, da sie mit ihren eigenen Ideen beschäftigt sind und erst noch darauf achten müssen, die eigenen Einfälle nicht zu vergessen. Untersuchungen haben zudem festgestellt, dass sich die Ideen zunehmen ähneln, weil man sich unterbewusst auf die Ideen anderer Leute fokussiert. Hinzu kommt, dass eine gewisse Trägheit begünstigt wird, da der eine oder andere meint, sich auf den Ideenreichtum anderer verlassen zu können. Das Resultat sind also eher konventionelle Ideen.
 
Der Sozialpsychologe Wolfgang Stroebe, der als führender Experte auf diesem Gebiet gilt, empfiehlt eine abgeänderte Variante des Brainstormings und spricht deshalb von „Brainwriting“: Jeder notiert seine Ideen in Computern, die miteinander vernetzt sind. So kann jeder sein eigens Tempo fahren und kriegt trotzdem mit, was andere zu einem bestimmten Thema meinen. Unter diesen Umständen könnten sich die Ideen tatsächlich befeuern. Heinz Schuler, emeritierter Psychologie-Professor der Universität Hohenheim, bringt es süffisant auf den Punkt: „Es gibt kaum etwas, was kreative Leistungen so sehr stört wie andere Menschen.“
 
Ursprüngliche Idee des Brainstormings ist, dass alle ungehemmt ihre Ideen in die Runde werfen können, ohne kritisiert zu werden. Für kreative Prozesse ist das tatsächlich eine Bedingung:  rationale Einwände wie „zu teuer“ oder „unrealistisch“ würgen jegliches unkonventionelles Denken ab. Genau die geforderte Offenheit entpuppt sich aber als Problem, da die guten Ideen nicht mehr von den schlechten getrennt werden. Hinzu kommt, dass diese Offenheit nicht per Knopfdruck herbeigeführt werden kann. Damit sie funktioniert und die Mitarbeitenden angstfrei denken,  müssen sie bereits erlebt hat, dass sie für unkonventionelle Ideen nicht bestraft werden. Sonst sorgen bestehende Hierarchien und Machtstrukturen dafür, dass eben längst nicht jeder sagt, was er denkt.
 
Brainstorming in der Gruppe berücksichtigt auch nicht, dass es unterschiedliche Charaktere gibt. Menschen, die eher introvertiert sind, können sich nicht plötzlich auf Kommando extrovertiert geben. Und so sind es dann auch eher die Extrovertierten, die ihre Ideen in die Runde werfen, während die Introvertierten gar nicht auf ihr Potenzial zugreifen können, weil sie zu sehr mit dem Gruppendruck beschäftigt sind, einen Vorschlag zum Besten zu geben. Ihr Ideenreichtum käme erst im stillen Kämmerlein zum Erblühen. So gesehen wird das eingangs eingeführte „Brainwriting“ den einzelnen Individuen viel besser gerecht. Warum also nicht einmal diese abgeänderte Variante des Brainstormings ausprobieren? Und schliesslich spricht nichts dagegen, den Kreis der Teilnehmenden über die Mitarbeitenden hinaus zu erweitern: Mit „Atizo“ existiert zum Beispiel eine virtuelle Brainstorming-Plattform, mit der Firmen zu Fragestellungen aller Art auf eine Crowdsourcing-Community zugreifen können.
 
Am wirkungsvollsten ist noch immer, wenn die Mitarbeitenden permanent in einer vertrauensvollen Atmosphäre arbeiten können, in der sie gefordert sind und wertgeschätzt werden. Dann fliessen auch die Ideen am besten – und zwar ganz ohne Kommando.
 
So fliessen die Ideen
Der US-Psychologe John Kounis, der sich mit den Grundlagen der Kreativität befasst, ist überzeugt: Die besten Ideen kommen nicht dann, wenn man sich krampfhaft darauf konzentriert, sondern wenn man abgelenkt ist und sich mit etwas völlig anderem beschäftigt. „Das ermöglicht, neue Ideen an die Oberfläche kommen zu lassen“, meint er. Analytisches Denken ist also eher hinderlich, wenn es darum geht, den Heureka-Moment zu erleben. Darum kommt Kounis sogar zum Schluss, dass Nachtmenschen gerade dann am kreativsten sind, wenn ihr Kreislauf auf dem Tiefpunkt ist – also am frühen Morgen. Morgenmenschen wiederum sind in der Nacht am ideenreichsten.

Fotoquelle: Thinkstock

 

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