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Führung

Raus aus der Komfortzone

Führung
07. September 2014
Raus aus der Komfortzone
 
20 Jahre Projekt Seitenwechsel: Rund 2900 Kaderleute haben bislang in Sozialeinrichtungen mitgearbeitet
Behindertenheim statt Büroturm: Das Projekt Seitenwechsel soll die Sozialkompetenz von Führungskräften schulen. Wie gross der Lerneffekt ist, hängt auch davon ab, wie offen sich die Teilnehmer ihre Defizite eingestehen.
 
Von Vera Sohmer
 
Kritikfähig, konfliktfähig, konsequent sein. Den Eigenwert eines Menschen achten, ihn so behandeln, wie es seiner Selbstachtung entspricht. Sich auf die Unterschiedlichkeit der Mitarbeiter einstellen. Adressaten- und situationsgerecht kommunizieren. Verstehen, dass es mehrere Führungsstile braucht, um der Komplexität der Menschen gerecht zu werden. Führungskräfte müssen das alles verinnerlicht haben, betont Managementberater Reinhard Sprenger. Sonst kämpfen sie auf verlorenem Posten.

Sprenger schiebt gleich eine desillusionierende Erkenntnis hinterher. Die wesentlichen Sozialeigenschaften seien im Menschen schon früh angelegt. Zu glauben, die viel zitierte Sozialkompetenz lasse sich in Kursen von Grund auf aufbauen, sei ein Trugschluss. Lernen liessen sich höchstens Techniken wie Gesprächsführung oder Konfliktlösung. Das fruchte aber nur bei jenen, die bereits sozialkompetent seien.

Ob das Projekt Seitenwechsel Führungskräften den letzten Feinschliff verpasst, schwer zu sagen. Der Ansatz jedenfalls ist vielversprechend. Manager sollen in eine andere Welt eintauchen, ihren Horizont erweitern, ihr Menschenbild überdenken und daraus etwas lernen, was ihre Führungsqualitäten optimiert. Dazu lassen sie typische Attribute wie Anzug und Tablets zu Hause und helfen in Einrichtungen mit, die viele nur vom Hörensagen kennen: Asylbewerberzentren, Behindertenheime, Frauenhäuser, Gassenküchen, Gefängnisse oder Suchtkliniken.

Ein Sprung ins kalte Wasser und eine Grenzerfahrung, weiss Programmleiterin Jacqueline Schärli. Weil es verunsichert und Mut braucht, seine gewohnte Umgebung zu verlassen. Und einen zuweilen beuteln und überfordern kann. Was tun, wenn ein Streit zwischen Straftätern aufbricht? „Das war definitiv nicht mehr in meiner Komfortzone“, berichtet Samuel E. Lehmann, Leiter Process Management & Segment Transfers bei der Credit Suisse. Was ihn beeindruckte: Wie der Gruppenleiter den Streit zu entschärfen wusste. Der Lerneffekt daraus: unerwartete Situationen besser bewältigen können.

Schwierige Gespräche führen, lernen, wie man unmissverständlich ausdrückt – dies erhoffen sich andere Teilnehmer. Wer weiss, wo er an sich arbeiten will oder muss, zieht aus dem Projekt laut den Organisatoren den grössten Nutzen für den Arbeitsalltag. Voraussetzung dafür ist allerdings, sich seine Defizite einzugestehen.
 
Wichtig ist nach Jacqueline Schärlis Angaben, ein Ziel zu definieren. Dass Manager etwas ganz anderes machen, ist nicht als netter Zeitvertreib oder reine Selbstfindung gedacht, sondern wird von Firmen als Weiterbildung gebucht – für rund 2500 Franken pro Mitarbeiter. HR und Geschäftsleitung dürfen also klare Erwartungen haben. Und im Idealfall wird evaluiert, ob und wie das Gelernte in den Job einfliesst.

Die Teilnehmer zumindest beteuern, dass etwas hängen bleibt. In einer Langzeitstudie des Instituts Cultur Prospectiv bewerten 88 Prozent der Befragten den Nutzen als sehr hoch. So greifen sie oft auf Erfahrungen zurück, die sie während der einen Woche gemacht haben. Sei es bei der Stressbewältigung oder dann, wenn eine schwierige Verhandlungsrunde ansteht. Nebeneffekt: Die Erkenntnis, sich eigentlich in einer privilegierten Situation zu befinden. Selbst dann, wenn im Unternehmen Umstrukturierungen anstehen, Unsicherheit herrscht, wie es wohl weitergeht.

Entweder man hat Sozialkompetenz oder man hat sie nicht? Das bleibt die Streitfrage. Reinhard Sprenger sieht es radikal. Andere Experten sagen: Es sei ein Mix aus Charakterzügen, Erfahrungen, Fertigkeiten. Jacqueline Schärli drückt es so aus: Gute Führung heisse unter anderem Menschen fordern und fördern, Situationen einschätzen und angemessen reagieren. Der Seitenwechsel könne dazu dienen, eigene Grundsätze zu überprüfen und sich Anregungen zu holen. Nicht mehr, aber auch nicht weniger.

Seitenwechsel ist ein Programm der Schweizerischen Gemeinnützigen Gesellschaft SGG und wird schweizweit seit 20 Jahren angeboten. Führungskräfte und Mitarbeiter aus Wirtschaft und Verwaltung sowie 50-plus-Leute können aus Einsatzplätzen in rund 160 Institutionen wählen. Mitgemacht haben bislang rund 2900 Kaderleute. Firmen wie Alstom, Credit Suisse LGT, Manor, Migros, Post, Swisscom oder UBS schicken ihre Leute in die fünftägige Weiterbildung.
www.seitenwechsel.ch

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