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Schluss mit dem Theater

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08. April 2017

Vorstellungsgespräche verkommen immer mehr zu Verstellungsgesprächen. Dieses Schattenboxen zwischen Bewerber und Firma ist kontraproduktiv.

Von Manuela Specker
 
Wer wissen möchte, wie er sich an einem Vorstellungsgespräch am besten in Szene setzt, kann aus einer Fülle an Ratgebern aussuchen, dutzende Seminare besuchen und sich unter vier Augen beraten lassen. Es liegt auf der Hand, weshalb dies ein lukrativer Markt geworden ist: Heute bekommt den Zuschlag für eine Stelle oft, wer sich am besten verkauft. Und Selbstmarketing lässt sich bis zu einem gewissen Grad lernen. Der Bewerber muss vor allem wissen, was die Firmen hören möchte, und schon steigen seine Chancen.
 
Was beide Seiten vergessen: Ehrlichkeit währt noch immer am längsten. „Eine Beziehung kann immer nur so gut sein wie die Basis, auf der sie eingegangen wird. Wenn das Vorstellungsgespräch nur ein Verstellungsgespräch ist, wie soll dann die Arbeitsehe glücken“, bringt es der Karrierecoach Martin Wehrle auf den Punkt. Auch Martin Cordsmeier, Gründer der Stiftung „millionways“, sinniert in seinem Buch über die Möglichkeit, wenn Bewerber und Firma in Zukunft wieder mehr auf Ehrlichkeit und Authentizität setzen würden. „Wie sinnvoller und aussichtsreicher wäre es, wenn sich tatsächlich einfach zwei Seiten offen einander vorstellten!“. Stattdessen werde der ganze Bewerbungsprozess durch das gegenseitige Vorgaukeln von Eigenschaften, die nicht wahr sind, extrem verkompliziert.
 
Es wäre auch im Sinne der Stellensuchenden, sich weniger zu verstellen. Denn: „Wenn wir uns in eine Schablone einfügen müssen – ist es dann der Job, den wir wirklich wollen? Oder landen wir gar eingesperrt in einer nicht passenden Schublade, in der wir uns die nächsten Jahre verbiegen müssen?“. Eine von Martin Cordsmeiers zentralen Thesen lautet, dass die latente Unzufriedenheit bei vielen Menschen daher rührt, dass sie sich fremd bestimmen lassen anstatt den eigenen Begabungen nachzugehen. „Wir verstecken bei Vorstellungsgesprächen unsere wahre Persönlichkeit, weil wir gelernt haben, und anzupassen, und in der Arbeitswelt setzt sich die Fremdbestimmung fort.“
 
Wer aus diesem Schema ausbrechen will, braucht garantiert länger, bis er eine Stelle gefunden hat – aber dafür passt sie dann eher zu den eigenen Wertvorstellungen. Auch Personalfachleute und Vorgesetzte sind gut beraten, wenn sie mehr auf Realität statt auf Show setzen. Wenn nämlich Aufgaben oder Aufstiegschancen versprochen werden, die sich als Chimäre entpuppen, ist die Wahrscheinlichkeit gross, dass sie die betreffende Stelle bald wieder besetzen müssen.
 
„Wie wäre es, auf Fang- und Stressfragen zu verzichten? Ein ehrliches Gespräch bringt oft mehr“, schlägt Martin Wehrle vor. Bei der berühmten Frage zum Beispiel, wo man sich in fünf Jahren sehe, gehe es für die Firma oft nur darum rauszufinden, ob die vakante Stelle für den Bewerber reizvoll sei oder ob er sie nicht einfach als Sprungbrett  sehe.
 
Heute werfe sich oft selber aus dem Rennen, wer ehrlich und ausführlich antworte. „Ich frage mich, ob dieses Schattenboxen wirklich sein muss. Abgewetzte Standardfragen bringen nichts als abgewetzte Standardantworten, die oft aus schlechten Bewerbungsratgebern nachgeplappert werden“, so Wehrle. Besser sei es, wenn sich Firmen bei Vorstellungsgesprächen vom gesunden Menschenverstand leiten lassen. So würden sie auch verblüffend klare Antworten erhalten.
 
 
Schlechtere Chancen bei Regen
Wer zum Vorstellungsgespräch antraben muss, sollte auch auf das Wetterglück hoffen. Eine Analyse von Aufnahmeinterviews an einer kanadischen Medizinuniversität enthüllte jedenfalls, dass Bewerber, die an regnerischen Tagen befragt wurden, schlechtere Bewertungen erhielten als ihre Mitstreiter an sonnigen Tagen. Die Befragung fand immer in derselben Jahreszeit statt: fast alle knapp 3000 untersuchten Interviews wurden im frühen Frühling zwischen 2004 und 2009 durchgeführt. Parallel dazu wurden Wetterdaten aus dem offiziellen Regierungsarchiv herangezogen.
 
 
((Buchhinweise))
Martin Cordsmeier: Nimm dir das Leben, das du wirklich willst, Verlag Econ 2017.
Martin Wehrle: Anständig Karriere machen. Wie Sie nach oben kommen – und trotzdem Sie selbst bleiben. Verlag Orell Füssli, 2013.



Bildquelle: thinkstock

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