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Selbstverliebte Chefs: Ein Psychogramm

Führung
29. Juli 2017
Narzissmus ist in Führungspositionen besonders häufig anzutreffen. Wie solche Vorgesetzte ticken und warum man sich vor ihnen in Acht nehmen muss.
 
Von Manuela Specker
 
Lässt Ihr Vorgesetzter Sie kaum zu Wort kommen, erzählt er Ihnen aber alle möglichen Dinge – auch solche, die Sie nicht die Bohne interessieren? Orientiert sich sein ganzes Handeln daran, was für ihn am besten ist? Mag er es nicht, wenn andere ihn überstrahlen, oder wenn er für einmal nicht im Mittelpunkt steht?  Fällt es ihm schwer, sich in andere Menschen einzufühlen, weil sich das ganze Universum um ihn selber dreht? Die Wahrscheinlichkeit ist sehr gross, dass Sie es mit einem narzisstischen Vorgesetzten zu tun haben.
 
Eine Eigenschaft, die ausgerechnet in Führungspositionen überproportional stark verbreitet ist. Narzisstische Menschen bringen nämlich oft den nötigen Durchhaltewillen mit, um sich mit spitzen Ellbogen nach oben zu boxen. Die Aussicht auf Status, Macht und Prestige ist ihnen ein kräftiger Antrieb. Da Narzissmus vor lauter Selbstbezogenheit in der Regel mit mangelnder Selbstreflexion einhergeht, wirken sie zudem überaus selbstbewusst – ebenfalls eine gute Voraussetzung, um den Chefsessel zu erklimmen.
 
Doch diese Selbstverliebtheit und überhöhte Selbsteinschätzung kann viel Schaden anrichten, wie ein Team der niederländischen Universität Tilburg vor kurzem nachgewiesen hat. Sie analysierten die Persönlichkeitsstruktur und das Entscheidungsverhalten von 92 Bankenchefs im Zeitraum von 2006 bis 2014. Dabei zeigte sich: Je narzisstischer ein Chef, desto riskanter waren auch die Investments. Das führte dazu, dass diese Finanzinstitute im Zuge der Finanzkrise von 2008 schneller in Turbulenzen gerieten. Verbunden mit dem Fehlen von internen Absicherungen brauchten sie zudem länger, um sich davon zu erholen.
 
Extrem ichbezogene Menschen, die nur den eigenen Vorteil im Blickfeld haben, können Firmen aus einem anderen Grund teuer zu stehen kommen. Denn unter einem narzisstischen Vorgesetzten können nur jene Angestellten vernünftig arbeiten, die ihm den Hof machen, die alles über sich ergehen lassen und sich für sein Egoprojekt einspannen lassen. Den Narzissten geht es nämlich nicht darum, für die Firma die besten Lösungen zu finden oder Mitarbeitende zu fördern. Vielmehr ist ihnen daran gelegen, eine Gefolgschaft aufzubauen, die ihren Selbstbeweihräucherungen dienlich ist.  Die Folgen sind klar: Jene, die auch einmal etwas kritisch hinterfragen, haben einen schweren Stand und werden das Unternehmen früher oder später verlassen.
 
Narzissmus äussert sich übrigens nicht nur darin, dass jemand ausschliesslich von sich erzählt, sondern dass auch alles persönlich genommen wird. Jede Bemerkung, und sei sie noch so unverfänglich, beziehen Narzissten sofort auf sich selber, Kritik ertragen sie gar nicht – während sie selber mit dem Vorschlaghammer austeilen, ohne auch nur mit der Wimper zu zucken.   
 
Wer unter einem solchen Vorgesetzten überleben will, legt sich allerhand Strategien zurecht. Was die treuen Anhänger des Narzissten-Chefs oder der Narzissten-Chefin allerdings oft nicht bedenken, ist die Tatsache, dass sie jederzeit in Ungnade fallen können – egal, wie viele Jahre sie zuvor grösste Loyalität an den Tag legten oder wie qualitativ hochstehend sie gearbeitet haben. Narzissten würde es nicht einmal im Traum einfallen, Mitarbeitenden den Rücken zu stärken oder sich für sie einzusetzen. Sobald jemand den eigenen Zwecken nicht mehr dienlich ist, wird er fallengelassen wie eine heisse Kartoffel. Das kann sein, weil er von höherer Warte kritisiert wird, oder weil er sich am Arbeitsplatz so gut entwickelt hat, dass er vom Narzissten-Chef plötzlich als Gefahr wahrgenommen wird.
 
Den selbstverliebten Vorgesetzten fehlt es also ausgerechnet an jenen Eigenschaften, die unabdingbare Voraussetzung sein müssten, um überhaupt Führungsverantwortung wahrnehmen zu dürfen: sich für andere Menschen interessieren und deren Entwicklung fördern. Anstatt das ganze Handeln danach auszurichten, wie man selber als Vorgesetzter am besten dasteht.


Bildquelle: Thinkstock

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