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Karriere allgemein

So kommen Sie unter die Räder

Karriere allgemein
13. Juli 2014
Wer mit Computer-Technologien auf Kriegsfuss steht, hat in der Arbeitswelt einen schweren Stand. Das zeigt sich bereits im Bewerbungsprozess.

- von Manuela Specker -
Berlin, 11 Uhr: Das Café füllt sich, immer mehr junge Menschen mit Laptop, Smartphone und Tablet machen sich breit und arbeiten. Wann sie wollen, wo sie wollen, wie sie wollen. Aber ganz bestimmt mit grosser Hornbrille. So viel zum Klischee der «digitale Bohème», das im Grunde genommen kein Klischee mehr ist. Um sich davon zu überzeugen, muss man nicht einmal mehr nach Berlin, dem Mekka für Freischaffende und Künstler.

Der technologische Fortschritt ermöglicht ganz neue Formen der Zusammenarbeit, zum Beispiel in virtuellen Kollaborationsräumen, die herkömmliche Arbeitsweisen auf den Kopf stellen: Verschiedene freischaffende Fachkräfte tun sich immer wieder neu zusammen und entwickeln gemeinsam ein Produkt – sei es eine Software-Anwendung, ein Design oder eine anderweitige Dienstleistung. Die Linux-Software ist das Produkt einer solchen Kooperation.

Wie stark digitale Berufe auf dem Vormarsch sind, zeigt sich auch daran, dass immer mehr Unternehmen einen «Social Media Manager» oder einen «Community Manager» suchen. Auf den Social-Media-Plattformen wiederum boomen Spiele, mit denen sich die User die Zeit vertreiben – das schafft Arbeit für kreative IT-Fachleute, die solche Spiele am Laufmeter produzieren. Von solchen Entwicklungen überrollt werden Menschen, für die das Internet nach wie vor ein Buch mit sieben Siegeln ist.

«Ein schneller Internetzugang ist längst zu einem Bestandteil der öffentlichen Daseinsvorsorge geworden. Er entscheidet über gesellschaftliche Teilhabe und wirtschaftliche Wettbewerbsfähigkeit», heisst es bei der Initiative D21, einem von Politik und Wirtschaft getragenen Verein in Deutschland, der die digitale Spaltung der Gesellschaft verhindern möchte.

In der Tat sind längst nicht alle in der Lage oder gewillt, auf den Technologie-Zug aufzuspringen. Wie Daten des Bundesamtes für Statistik aus dem Jahr 2011 zeigen, haben in der Schweiz zwar mehr als 90 Prozent aller Haushalte, in denen die Referenzperson über einen tertiären Abschluss verfügt, einen Internet-Zugang. Mit einem Abschluss der Sekundarstufe II sind es mehr als 80 Prozent. Ist aber der höchste Abschluss die obligatorische Schule, sind es nur noch 56 Prozent, die überhaupt auf das Internet zugreifen können.

Die «digitale Spaltung der Gesellschaft» ist bittere Realität. Das stellen Personalfachleute bereits im Bewerbungsprozess fest. Misstrauisch macht sie beispielsweise, wenn Dossiers eingereicht werden, die eine grosse Zahl an Megabytes aufweisen – wo es doch heute Programme gibt, die Fotos oder PDFs ohne grosse Qualitätsverluste komprimieren. Ebenfalls keinen guten Eindruck hinterlassen Bewerbende, wenn sie jedes Dokument in ihrem E-Mail einzeln anhängen, anstatt ein PDF zu kreieren. «Und noch immer kommt es vor, dass Bewerber den herkömmlichen Postweg vorziehen, obwohl explizit verlangt wird, das Online Recruitment System zu benutzen», so Christiane Theiss, Personalchefin der AZ Medien. Als Ausrede kriegt sie dann oft zu hören, dass der Computer gerade gestreikt habe. «Das ist natürlich nicht glaubwürdig und hinterlässt einen schlechten Eindruck.»

Es muss ja nicht gleich aus jedem ein «digitaler Bohème» werden. Selbst Holm Friebe, der dieses Arbeitsmodell seit Jahren propagiert, ist der Ansicht, dass die Digitalisierung kein Zukunftsmodell für alle ist und dass sie die Krise des Arbeitsmarktes nicht lösen wird. Aber ihre Erfolge würden zeigen, dass die Arbeit in Zukunft mehr Möglichkeiten bietet, als sich viele heute vorstellen können, meint der Geschäftsführer der Zentralen Intelligenz Agentur in Berlin.

Zweifellos wälzt die digitale Revolution die Arbeitsmärkte grundlegend um, und sie hat das Tempo unwiderruflich verschärft. Prognosen, wonach die digitale Revolution zahlreiche Arbeitsplätze vernichten wird, sind aber trotzdem mit Vorsicht zu geniessen. Wie ein Blick in die Wirtschaftsgeschichte zeigt, hatten Rationalisierungen und Umwälzungen immer auch zur Folge, dass neue Jobs an anderen Orten entstehen.

Sinnvoll ist es allemal, sich den digitalen Entwicklungen nicht zu verschliessen – zumal selbst Lerninhalte zunehmend digitalisiert werden. Auch liegt es im Interesse eines jeden Einzelnen, bei Online-Bewerbungen keinen schlechten Eindruck wegen mangelnder Computer-Kenntnisse zu hinterlassen. «Wer sich keinerlei technologische Kompetenzen aneignet, hat auf lange Sicht weniger Chancen am Arbeitsmarkt», ist Recruiting-Expertin Christiane Theiss überzeugt.
Bild: iStock

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