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Karriere allgemein

Vorsicht vor den Glücksgurus

Karriere allgemein
15. Juli 2017
Positives Denken gilt als Erfolgsrezept in der Arbeitswelt. Dabei hat diese Methode mehr mit Realitätsverlust denn mit einer Einstellung zu tun.
Von Manuela Specker
 
Es steht nicht gut um die Streitkultur: Beim kleinsten Konflikt werden Mitarbeitende in Teambuilding- oder Motivationsseminare geschickt. Vorgesetzte lernen in Führungskursen, wie sie möglichst viel Optimismus versprühen. Gibt sich eine Firma neue Visionen und Werte, wird die ganze Belegschaft an gut gelaunten Teamevents darauf eingeschworen – soll es bloss keiner wagen, eine kritische Bemerkung zu machen.  
 
Gerade in Zeiten von Jobunsicherheiten, permanenten Umstrukturierungen und abnehmenden Verbindlichkeiten auch im Privaten scheinen Firmen eine Art Ersatzfamilie bieten zu wollen. „Im gleichen Mass, wie Stellenabbau, Lohnsenkungen und prekäre Arbeitsverhältnisse um sich greifen, forciert die Unternehmenswelt eine Kultur des Lächelns“, bringt es die Historikerin Brigitta Bernet im Online-Magazin “Geschichte der Gegenwart” treffend auf den Punkt. In dieser Logik werden Veränderungen bis hin zur Entlassung als Chance dargestellt, an der man „wachsen“ könne.
 
Das ist eine Form des positiven Denkens, die je stärker zum Tragen kommt, je grösser die Zukunftsängste sind. Im Gesundheitsbereich führt dies dazu, dass den Menschen eingeredet wird, selber an der Krankheit schuld zu sein – genetische Ursachen, der Einfluss von Umweltfaktoren oder einfach der unglückliche Zufall spielen in dieser Weltsicht keine Rolle. Doch die eigene Gesundheit ist nie nur eine Frage des Willens. Genau gleich verhält es sich in der Arbeitswelt: Manchmal reicht schon die Herkunft oder ein ausländisch klingender Name, um auf dem Abstellgleis zu landen. 
 
„Praktische Probleme wie ein niedriger Lohn, Krankheit, Arbeitslosigkeit, Rassismus oder Sexismus kommen im Horizont der Motivationsbranche nur als mögliche Ausreden vor. Jammern, Klagen oder Opfersein gelten hier als Kennzeichen ‘negativer Menschen’, von denen wir uns besser trennen sollten“, schreibt Brigitta Bernet. Der gegenwärtige Kult des positiven Denkens möge Vorgesetzten und Arbeitgebern entgegenkommen, denen vorgetäuschter Frohsinn lieber sei als Klagen und Kritik. „Für die Betroffenen aber ist er alles andere als leicht.“
 
Sie kämpfen nämlich tatsächlich nicht nur mit Schuldgefühlen, es fehlt oft auch an Energie und Mut, um aus dieser Situation herauszufinden. Der Zwang zum positiven Denken, an dessen Ende einen vermeintlich das Glück in Empfang nehmen soll, ist in Tat und Wahrheit demotivierend und kann Menschen in ein Burnout treiben. Wie der Philosoph Wilhelm Schmid korrekt festhält, nährt das übermässige Reden über Glück die Illusion, es könne ein gelingendes Leben ohne Einbussen und Schattenseiten geben. Das führe dazu, bei einem Scheitern doppelt und dreifach unglücklich zu sein.  
 
Die „Happiness“-Kultur führt überdies dazu, dass sich viele gegenseitig etwas vormachen, gerade auch am Arbeitsplatz, wo Mitarbeitende ihre Situation zu optimistisch einschätzen, um bloss nicht zu den Miesepetern zu gehören - eine Scheinwelt, welche die Firmen teuer zu stehen kommen kann, fehlt es doch in einem solchen Umfeld an kritischen Geistern, die rechtzeitig auf Fehlentwicklungen aufmerksam machen. Tun sie es doch, müssen sie damit rechnen, plötzlich auf der Abschussliste zu stehen oder isoliert und ohne Verbündete zu sein. Das konsequente Ignorieren der Dinge, die nicht gut laufen, bedeutet allerdings Stillstand: „Zu Veränderungen und Verbesserungen hat dieser Zustand noch nie geführt, ganz im Gegenteil: Zufriedenheit und Selbstzufriedenheit legen alle Entwicklungen lahm“, schreibt Wilhelm Schmid in seinem Buch „Unglücklichsein. Eine Ermutigung.“ Es sei nicht die Bestimmung des Menschen, immer nur zufrieden zu sein, sonst sässe er noch immer auf den Bäumen. „Unzufriedenheit ist der Ansporn zu neuen Taten.“
 
Es würde sich also alleine aus ökonomischen Gründen lohnen, mit der Glückskultur kritisch ins Gericht zu gehen anstatt in ihre Fänge zu geraten. Auf dem Spiel stehen aber auch für das Menschsein so zentrale Eigenschaften wie Empathie, Toleranz und Solidarität. Die Gefahr sei gross, so Brigitta Bernet, dass durch die positive Selbstmanipulation der Sinn für die Realität verloren gehe. „Denn offensichtlich ist die neue Glückspsychologie kein Mittel, das auf die Erhöhung des allgemeinen Wohlstands oder des individuellen Glücks zielt. Viel eher sie ist ein Schmiermittel für den Umbau der Subjekte nach Massgabe der globalen Marktwirtschaft und eine Ideologie, die soziale Ungleichheiten zu legitimieren und zu verschleiern hilft.“
 

Bildquelle: Thinkstock

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