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Karriere allgemein

Warum flüstern Sie, Frau Doktor?

Karriere allgemein
06. Dezember 2015
Statussymbole haben für eine klassische Karriere noch lange nicht ausgedient
Jeden Tag laufen in Firmen heimliche Status- und Machtspielchen ab. Männer hauen dabei auf den Putz. Frauen aber sind oft zu bescheiden.
 
Von Martin Wehrle*
„Guten Tag, Frau Dr. Körber!“, begrüsse ich eine neue Klientin. „Hallo Herr Wehrle“, antwortet Sie – und fügt eine Bitte hinzu. „Lassen Sie den ‚Doktor’ weg.“ Fast allen promovierten Männern schwillt die Brust, wenn man Sie „Herr Doktor“ nennt. Der Titel schmückt ihre Mailadresse, dominiert ihre Signaturen und springt auch von der privaten Visitenkarte ins Auge.
 
Und dann beobachten Sie mal, wie eine promovierte Frau sich vorstellt, etwa bei der Eröffnungsrunde eines Seminars. Der Titel taucht höchstens indirekt auf: „Ich habe Physik studiert. Nach meiner“  – die Stimme schrumpft zu einem Flüstern – „Promotion habe ich dann ...“ – „Moment“, sage ich, „Sie haben den Doktorgrad erworben?“ – „Ja“, flüstert es zurück, und ein funkelnder Blick legt mir nahe, dringend das Thema zu wechseln.
 
Nicht nur beim Doktortitel, auch bei anderen Statussymbolen sind Frauen zu bescheiden. Zum Beispiel war die Juristin Bettina Seiber (33) aufgestiegen zur Vize-Leiterin eines Unternehmens mit 250 Mitarbeitern. Ihr wurde eine Sekretärin angeboten, doch sie lehnte ab: „Ich korrespondiere fast nur per Mail. Das bekomme ich ohne Hilfe hin.“
 
Erst ein paar Monate später ging ihr ein Licht auf: Sie nahm mal wieder einen Anruf entgegen (ihr Telefon klingelte seit der Beförderung rund um die Uhr!): „Seiber.“ Die Stimme am anderen Ende gab forsch zurück: „Hier ist das Sekretariat von Herrn Doktor Baier. Würden Sie mich bitte zur Chefin durchstellen!“ Wer das Telefon abhebt, kann nicht wichtig, kann keine Chefin sein!
 
Und war Bettina Seiber nicht selbst aufgefallen, dass die Managerkollegen selten direkt ihre Nummer wählten – sondern das Gespräch auf komplizierte Weise von ihrem Sekretariat durchstellen liessen? Offenbar ging es nicht um Zeitersparnis, sondern um die Botschaft: „Ich habe die Macht, telefonieren zu lassen!“ Eine Sekretärin ist ein Statussymbol.
 
Oder nehmen Sie eine klassische Männerdomäne, den Dienstwagen. Während Frauen  glücklich sind, überhaupt ein Auto von der Firma zu bekommen, haben die Männer längst eruiert, mit welcher PS-Zahl sie sich unter den anderen Vorgesetzten in der Spitzengruppe platzieren können. Wer hier wie so manche Chefin mit einem Auto auftaucht, das nur halb so viel wie die anderen kostet, wird nur als halbe Führungskraft wahrgenommen.
 
Oder: Managerinnen geben sich mit einem Parkplatz zufrieden, der weit vom Firmengebäude entfernt liegt – während Männer peinlichst darauf achten, dass die Nähe zum Gebäude ihrem Rang in der Hierarchie entspricht. Frauen haben kein Problem damit, zweiter Klasse im Flugzeug oder in der Bahn zu reisen – während die Männer als Führungskräfte erster Klasse gelten wollen, auch beim Reisen.
 
Wer solche Statusspiele albern und peinlich findet, liegt damit sicher nicht verkehrt. Nur: Haben Sie auch bedacht, dass die ungeschriebenen (und von Männern gemachten) Regeln der heutigen Geschäftswelt sich noch immer an solchen Albernheiten orientieren? Haben Sie berücksichtigt, dass belohnt wird, wer sich an diese Regeln hält, und bestraft, wer sie bricht? Und sind Sie bereit, die Konsequenzen daraus, sprich den Misserfolg und die Ungerechtigkeit, zu tragen? Oder wäre es vielleicht klüger, augenzwinkernd mitzuspielen – und eben diese Regeln in eine vernünftige Richtung zu verändern, sobald Sie in einer Position angekommen sind, die Ihnen das entsprechende Mass an Macht einräumt?
 
Viele Frauen haben einen Lottoschein mit sechs Richtigen in der Tasche. Das allein hilft im Beruf aber nicht; man muss ihn auch einlösen. Und wer sich durchsetzen will, braucht Status-Bewusstsein!
 
*Der Erfolgsautor Martin Wehrle gilt als Deutschlands bekanntester Karrierecoach. Soeben ist sein neues Buch erschienen: „Sei einzig, nicht artig! So sagen Sie nie mehr ja, wenn Sie nein sagen wollen“ In der Schweiz ist er als unterhaltsamer Vortragsredner bekannt, u.a. zu Führungskultur und Frauenförderung. Kontakt über: www.wehrle-redner.de

Foto: Thinkstock

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