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Führung
Vorgesetzte und Rückhalt - Zahlen allein führen ins Abseits

Zahlen allein führen ins Abseits

Führung
16. September 2012
Vorgesetzte, die sich ausschliesslich an Ergebnissen orientieren, verlieren rasch an Rückhalt.
Sie sind hervorragende Zahlenjongleure, doch sobald es um Menschen geht, versagen ihre Künste: Sogenannte Zahlenmenschen ticken anders.
- von Manuela Specker -
Mathematik war für die meisten das Problemfach in der Schule. Wer schlechte Noten hatte, kann sich noch heute damit brüsten. Wer brillierte, gilt als komischer Kauz; Zahlenmenschen haben nicht den besten Ruf. In Zeiten der Krise und der kurzfristigen Gewinnorientierung sind es aber gerade sie, welche Unternehmen auf Kurs halten.

Trotzdem ist ihr Führungsstil oft zum Scheitern verurteilt, ungeachtet ihrer Auffassungsgabe und ihrer Fähigkeit, Probleme zu erkennen und rasch zu handeln. Executive Coach Angelika Leder hat sich dieses Phänomens angenommen. Sie zeigt den Zahlenmenschen die Schwachstellen in ihrer Führungsarbeit auf und weckt bei Mitarbeitenden Verständnis für deren Eigenheiten. In ihrem soeben erschienenen Buch geht es darum, wie sich Zahlenmenschen besser in den Unternehmen positionieren und wie sich das Umfeld besser auf sie einstellen kann.

Manager, die extrem zahlenorientiert sind, geizen mit persönlichen Worten und mit Körpersprache. «Sie kommunizieren lieber über Zahlen und Sachverhalte als über Beziehungen und Emotionen», so Leder. In ihrer Beratungstätigkeit stellt sie immer wieder fest, dass Zahlenmenschen davon ausgehen, andere würden genauso funktionieren wie sie selber auch. Sie glauben, Emotionen gehörten nicht ins Unternehmen und Anerkennung sei Zeitverschwendung. Sie sind Meister im Wegrationalisieren, versagen aber, wenn es darum geht, Gründe dafür zu liefern. Was zählt, ist die Leistung, nicht die Befindlichkeit. Was sich nicht in Zahlen ausdrücken lässt, nehmen sie kaum wahr.

Zahlenmenschen gehen davon aus, dass gute Ergebnisse für sich sprechen, entsprechend kümmern sie sich nicht um ihren eigenen Ruf. So erstaunt es nicht, dass solche Vorgesetzten aus allen Wolken fallen, wenn sie das Feld räumen müssen, obschon unter ihnen die Gewinne wachsen oder die Defizite sich verringern. «Viele Zahlenorientierte tun sich merkwürdig schwer, Gefolgsleute, Unterstützer und Gönner um sich zu scharen», so Leder.
In ihrer Fixierung auf Zahlen erkennen sie nicht, dass bei vielen Konflikten Sachthemen nur vorgelagert sind; Emotionen beeinflussen Entscheidungen genauso. Sie müssten deshalb lernen, Bedürfnisse wahrzunehmen, zu verstehen und angemessen anzusprechen, meint Leder. Das tangiert die Frage, inwiefern Empathie überhaupt lernbar ist – und doch trifft diese Frage den Kern der Sache nicht, denn Zahlenmenschen sind keine Unmenschen. «Ihnen wird oft Gefühllosigkeit unterstellt. Dabei sind sie alles andere als emotionslos.»

Auch Holm Friebe und Philipp Albers stellen fest, dass beispielsweise Buchhalter und Controller als gefühllose Zahlenmenschen und kühle Rechner gelten. Die beiden Betreiber der Zentralen Intelligenz Agentur haben sich mit dem bisher unterschätzten Einfluss von Zahlen auf alle möglichen Lebenssitua-tionen auseinandergesetzt. Die Skepsis und die Vorurteile gegenüber Zahlenmenschen verdecken, wie sehr das eigene Denken und Handeln von Zahlen geprägt ist. Die Unternehmensberatung Roland Berger kennt die 3-5-7-Regel: Konzepte, die den Kunden präsentiert werden, sollen in 3, 5 oder 7 Punkte gegliedert werden können. Das hat nichts mit numerologischem Aberglauben zu tun, aber viel mit der unbewussten Macht der Zahlen, die keine leeren, sinnfreien Zeichen sind, wie Friebe und Albers in ihrer Untersuchung deutlich machen.

Ein Trugschluss wäre es aber, die Gründe für das Scheitern eines zahlenfixierten Menschen einzig in seiner Andersartigkeit zu suchen. Im Zeitalter von Liberalisierung und Globalisierung sind einseitig an Zahlen orientierte Manager häufiger in den Unternehmen anzutreffen als früher. «Schnelles und zahlenorientiertes Handeln ist zwingend notwendig geworden, um zu überleben», so Leder. Damit verbunden ist eine Geringschätzung von Abteilungen oder Aufgaben, deren Leistungen sich nicht direkt messen lassen.

Diese Ökonomisierung, warnt Leder, bewirkt einen Niedergang der Unternehmenskultur. Wo es nur um Profitmaximierung geht, bestehen Teams bald nur noch aus Einzelkämpfern. Die Verantwortlichen wähnen sich in trügerischer Sicherheit. «Manchmal erfassen Zahlen eben nicht eindeutig das, was sie zu erfassen beanspruchen.»

Angelika Leder ist mit dieser Kritik, gerade im Gefolge der Finanzkrise, in guter Gesellschaft. Der Ökonom Tomás Sedlácek, einst Berater des früheren tschechischen Präsidenten Václav Havel, löst das ökonomische Denken von der Fokussierung auf Zahlen, betrachtet es vielmehr als Spiegelbild kultureller Normen und Werte. Weder die Wirtschaft noch der ganze gesellschaftliche Kontext lässt sich rein mathematisch durchdringen und verstehen.

Angelika Leder: Wie Zahlenmenschen ticken.Carl-Hanser-Verlag, 2012.
Holm Friebe/Philipp Albers: Was Sie schon immer über 6 wissen wollten. Carl-Hanser-Verlag, 2011.
Tomás Sedlácek: Die Ökonomie von Gut und Böse. Carl-Hanser-Verlag, 2012.

(Photo: iStock)

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