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Zweifel sind angebracht

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02. November 2015
Wie sich leise Mitarbeitende in der Firma mehr Gehör verschaffen
Oft setzen sich in der Arbeitswelt die Lautesten durch, nicht die Klügsten. Wie kann ein nachdenklicher Mensch im Konzert der Meinungen dennoch punkten?
 
Von Martin Wehrle*
„Wer hat eine Idee dazu?“, fragt der Chef, nachdem er sein Problem geschildert hat. Sofort öffnet sich der Mund eines Mitarbeiters und schiesst eine Salve von Vorschlägen in den Konferenzraum. Andere Diskutanten spinnen diese Ideen weiter und fügen neue hinzu. Aber was ist mit den Kollegen, die noch gar nicht zu Wort gekommen sind, obwohl sie vielleicht noch bessere Vorschläge hätten? Mit den Nachdenklichen, den Gründlichen, den Introvertierten?
 
Was einen Philosophen ausmacht – Abwägen und Grübeln – kann im Business ein Hemmschuh sein: Während die einen (oft die Klugen) noch am Zweifeln sind, während sie um ihre Standpunkte ringen, nach Worten suchen und Inhalte grammgenau abwägen, haben die anderen (oft die Voreiligen) ihre Ansicht schon hinaus posaunt, die Meinung in der Firma geprägt, die Weichen gestellt.
 
Es ist wie in einem Orchester: Nicht der feine Geigenstrich gibt den Takt vor, sondern das hämmernde Schlagzeug. Achten Sie einmal darauf, wer in Ihrer Firma die Marschrichtung bestimmt. Nicht die Grübler und Denker, nicht die besten Argumente setzen sich durch, sondern die Meinungs-Trommler. Sie nehmen blitzschnell einen Standpunkt ein, den sie mit felsenfester Sicherheit vertreten. Die leisen Geigenstriche der Grübler übertönen sie mit ihrer Überzeugung. Und wenn ihre „sicheren“ Pläne dann gescheitert, ihre Projekte abgeschmiert und ihre Liefertermine geplatzt sind? Dann posaunen sie auch hierfür eine Erklärung hinaus – aber nie die, dass sie nicht auf die Nachdenklichen gehört haben.
 
Was tut man als Mensch, der vor dem Sprechen denkt, unter Menschen, die vor dem Denken sprechen – und sich damit auch noch durchsetzen? Viele stille Menschen beginnen zu schmollen, nach dem Motto: „Hier interessiert sich ja ohnehin keiner für meine Meinung!“ Doch wer das denkt – und mit der Zeit auch ausstrahlt – wird immer unzufriedener mit seiner Situation und von der Gruppe erst recht nicht mehr gefragt.
 
Mehr Erfolg versprechen folgende drei Strategien: Ersten sollten Sie, wann immer es geht, Ihre Zweifel mit sich selbst ausmachen. Bilden Sie Ihren klaren Standpunkt vor einer Debatte und vertreten Sie ihn so überzeugt wie möglich. Nur wenn Sie selbst überzeugt sind, können Sie überzeugend auftreten. Wer dagegen in jedem zweiten Satz „eigentlich“ sagt, sich von einem „Ähm“ zum nächsten kämpft und mehr flüstert, als er spricht, wird dadurch keine Truppen hinter sich versammeln können. 
 
Zweitens können Sie die Meinungstrommler immer wieder nach Fakten fragen: „Welche Belege gibt es dafür, dass ...?“ Hier lenken Sie die Aufmerksamkeit auf das, worauf es wirklich ankommt: die Fakten. Oft verschwindet sie zwischen all den rhetorischen Blendgranaten. Drei, vier solcher Fragen, die schwammig beantwortet werden, können die Gruppenmeinung drehen.
 
Und drittens bleibt Ihnen die Chance, Ihre Standpunkte schriftlich mitzuteilen. Schreiben Sie eine Aktennotiz, eine kleine Denkschrift, die Sie an den Kreis der Diskutanten verschicken, am besten unmittelbar vor einer wichtigen Entscheidung. Auf diese Weise können Sie das Denken der Gruppe beeinflussen und Ihren Argumenten Raum verschaffen, ohne dass Sie gegen die Lautsprecher anbrüllen müssten.
 
Was sollte in einem solchen Papier stehen? Zum Beispiel: Wo sehen Sie Risiken? Welche Erfahrungen der Vergangenheit sind zu berücksichtigen? Welche Veränderungen der Zukunft wirken sich aus? Und welche Alternativen zu dem angedachten Weg gibt es? Mag sein, Sie stossen erst auf Interesse, wenn das Kind schon im Brunnen liegt. Doch das verleiht Ihrer Stimme mehr Gewicht. Fürs nächste Konzert der Meinungen.
 
*Der Erfolgsautor Martin Wehrle gilt als Deutschlands bekanntester Karrierecoach. Soeben ist sein neues Buch erschienen: „Sei einzig, nicht artig! So sagen Sie nie mehr ja, wenn Sie nein sagen wollen“ In der Schweiz ist er als unterhaltsamer Vortragsredner bekannt, u.a. zu Führungskultur und Frauenförderung. Kontakt über: www.wehrle-redner.de


Foto: Thinkstock

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