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Zum Arbeiten fehlt die Zeit

Veröffentlicht am 19.04.2019 von Manuela Specker - Bildquelle: Shutterstock
Zum Arbeiten fehlt die Zeit

In vielen Berufen kommt die eigentliche Tätigkeit zu kurz, weil die administrative Belastung hoch ist.

Lehrerinnen und Lehrer haben immer weniger Zeit für den Unterricht, Wissenschaftlerinnen kommen nicht mehr zum Forschen, Pflegende nicht mehr zum Pflegen: Quer durch alle Berufsgattungen hindurch hat die Administration Überhand genommen. Eine erste schnelle Diagnose könnte lauten: Das liegt am ökonomischen Steigerungs- und Beschleunigungszwang. Es ist aber gerade der Soziologe und Beschleunigungstheoretiker Hartmut Rosa, der in seinem neuen Buch „Unverfügbarkeit“ auf einen ganz anderen Aspekt aufmerksam macht: auf den vergeblichen Versuch, alle Prozesse und Verhältnisse am Arbeitsplatz transparent, zurechenbar und kontrollierbar zu machen. „An immer mehr Stellen sind die Menschen damit beschäftigt, immer längere Anträge und immer längere Berichte und Dokumentationen zu schreiben, zu prüfen und zu beurteilen“, so Hartmut Rosa.

Der „Bürokratiemonitor“ des Staatssekretariates für Wirtschaft (Seco) bestätigt diesen Eindruck: Zwei Drittel von mehr als 2000 befragen Unternehmen bezeichneten die administrative Belastung als eher hoch oder hoch. Vor allem in grösseren Unternehmen scheinen diese in den letzten Jahren zugenommen zu haben. Das erstaunt nicht: Im Fokus der Umfrage standen gesetzliche Vorschriften auf Bundes-, Kantons- und Gemeindeebene, aber auch internationale Vorschriften. Interessanterweise gaben in der Befragung viele Unternehmen die Digitalisierung als Möglichkeit zur administrativen Entlastung an. Doch exakt die Digitalisierung, die mit verfeinerten Messmethoden und überhaupt neuen Möglichkeiten der Vermessung einhergeht, hat die Bürokratisierung in Unternehmen erheblich beschleunigt anstatt reduziert.

Bullshit-Jobs
Es griffe allerdings zu kurz, irgendwelche gesetzlichen Vorschriften und Regulierungen oder technologische Entwicklungen als die Hauptursache des wachsenden Verwaltungsaufwandes anzusehen. Dieser ist vielmehr systemimmanent. Der Ethnologe David Graeber, Professor an der London School of Economics, hat die Arbeitswelt und ihre Leerläufe minutiös analysiert. Obwohl doch gerade der Kapitalismus auf Effizienz und Kosteneinsparungen getrimmt sei, bringt er laut Graeber er eine Menge von „Bullshit-Jobs“ hervor. Jobs, die vor allem im mittleren Management zu finden seien und gut bezahlt sind, die es aber nicht wirklich bräuchte, weil die Jobinhaber nicht im engeren Sinn produktiv sind. Exakt diese Jobs, die oft englische Namen tragen wie Senior Compliance Officer, würden die Bürokratie-Exzesse immer weiter auf die Spitze treiben. Und so wird immer intensiver abgeklärt, evaluiert und kontrolliert, in einer Art Endlosschlaufe.

Dahinter steckt auch die Angst der Firmen, Fehler zu machen und der Anspruch, auf alles vorbereitet sein zu wollen.  Oder die Unfähigkeit, Entscheidungen zu treffen, so dass ein Sachverhalt immer noch mehr Schlaufen zieht, noch mehr Abklärungen auslöst, bis am Ende das Ganze wieder versandet. Hauptsache, es waren ein paar Leute damit beschäftigt, um am Ende des Monats einen Lohn beziehen zu können, obwohl sie genauso gut die ganze Zeit hätten untätig in ihrem Büro sitzen können.

Es braucht mehr Gelassenheit
Der Soziologe Hartmut Rosa plädiert für mehr Gelassenheit und für die Erkenntnis, dass wir es überall dort, wo sich soziales Leben vollzieht – und somit auch am Arbeitsplatz – mit Unverfügbarkeiten zu tun hätten. Wer bei allen Prozessen immer frage, wer zum Beispiel die Kosten oder die Verantwortung trage, komme systematisch in Schwierigkeiten. Diese Schwierigkeiten zeigten sich etwa dort, wo für alle denkbaren Vorgänge Zuständige bestimmt werden (in Schulen, Behörden, Firmen, Pflegeeinrichtungen, Lebensmittelgeschäften, Vereinen usw.), die dann wiederum in Schulungen und mittels umfangreicher Informationsmaterialien auf alle möglichen Eventualitäten vorbereitet werden. Und natürlich müssen dann über alles Protokolle und Dokumentationen geführt werden.  Anstatt Abläufe immer noch stärker ergebnisbezogen zu steuern und zu optimieren, braucht es also wieder mehr gesunden Menschenverstand – und die Erkenntnis, die Fünf auch einmal gerade stehen zu lassen. Im ganzen Kontroll- und Transparenzwahn geht nämlich gerne vergessen, dass all diese Massnahmen nicht nur versteckte Kosten generieren, sondern dass sie Mitarbeitende nachhaltig vergraulen, weil sie kaum mehr ihrer eigentlichen Tätigkeit nachgehen können.