Die heimliche Macht des Namens

Was es bedeutet, wenn man wegen eines weit verbreiteten Namens in den Internet-Suchresultaten unsichtbar bleibt.

Bewerbung / Neuorientierung
Veröffentlicht am 10.03.2018 von Manuela Specker

Eva Fischer hat ein Problem. Und zwar mit ihrem Namen. Sie ist gemäss Informationen, welche Suchmaschinen ausspucken, Ärztin, Anwältin, Geschäftsführerin, Food-Bloggerin, sie verfasste einen Single-Ratgeber und wurde schon als rheinland-pfälzische Milchkönigin nominiert. Einen Nachruf über Eva Fischer konnte sie auch bereits lesen. Wenn sich Eva Fischer selber googelt, könnte sie glatt in eine Identitätskrise rutschen. Ihr Nachname ist der vierthäufigste in Deutschland und zählt auch in der Schweiz zu den Top Ten.

Das gibt zu tun: Sie muss auf Mails antworten und darauf hinweisen, dass sie wohl die falsche Adressatin war. Sie antwortet auf Combox-Nachrichten, um den Anrufenden auf das Missverständnis aufmerksam zu machen. Sie muss sich gegen Krankenkassen-Mitarbeitende zur Wehr setzen, die fordern, sie solle doch endlich ihre Rechnungskopien einreichen.

Aber das wirkliche Drama ist ein anderes, wie Eva Fischer ihrer Verzweiflung im „Handelsblatt“ Luft macht: „Ein häufiger Nachname ist schlecht für die Karriere.“ Das gelte natürlich besonders für Berufe, in denen der eigene Name zur Marke werden muss. Aber auch in anderer Hinsicht kann der Name zur Stolperfalle werden, denn die Suchmaschinen-Recherche ist für Personalverantwortliche und Vorgesetzte längst kein Tabu mehr. Das führt leicht zu Missverständnissen, indem gewisse Informationen dem Bewerber zugeordnet werden, obwohl es sich um den Namens-Doppelgänger handelt. Und so ein erster Eindruck ist schwerlich wieder zu korrigieren.

Überhaupt ist der Name – egal ob Vor- oder Nachname -  nicht zu unterschätzen. Seriöse wissenschaftliche Untersuchungen belegen, dass er immer auch gewisse Assoziationen hervorruft und eine Karriere positiv wie negativ beeinflussen kann. Der Psychologieprofessor Udo Rudolph vom der Technischen Universität Chemnitz betont, dass diese Assoziationen vor allem dann spielen, wenn einem die Person noch unbekannt ist. Und das ist gerade in Bewerbungsverfahren üblich. Rudolph legte in einer seiner Untersuchungen den Probanden die Bewerbungsunterlagen von Personen vor, die sich nur im Vornamen unterschieden. Die Frauen hiessen Anna und Waltraud, die Männer Felix und Erwin. Gesucht wurde eine geeignete Person für einen unternehmensinternen Auftrag zur Installation eines Computernetzes. Bewerberinnen und Bewerber mit attraktiven Vornamen wurden von den Probanden tatsächlich positiver beurteilt. Anna und Felix hätten also eindeutig grössere Chancen gehabt, den Auftrag zu bekommen, als Waltraud und Erwin – obwohl die Bewerbungsunterlagen keine Kompetenzunterschiede enthielten. Namen wecken also, je nach vorherrschender Namenmode, bestimmte Vorstellungen in Bezug auf das Alter, aber auch auf die Intelligenz und die Attraktivität. Einzig bei Dauerbrennern wie Thomas, Christian oder Maria dürfte dieser Effekt wegfallen.

Zu einem ähnlichen Schluss kommt eine Untersuchung der Ohio University. Probanden wurden verschiedene Bewerbungsunterlagen vorgelegt mit der Bitte, die Kompetenzen einzuschätzen. Typisch männliche Vornamen wie Bruno oder Hank assoziierten sie vor allem damit, dass diese Personen als Lastwagenchauffeur oder Elektriker Erfolg haben. Frauen mit besonders weiblich wirkenden Vornamen wie Emma oder Marta galten als geeignet für den Beruf der Krankenschwester. Und so kommt die Studie zum Schluss: «Wer einen untypischen Namen für einen bestimmten Berufsstand hat, dürfte trotz gleicher Qualifikation mehr Schwierigkeiten haben, einen Job zu finden.»

Ganz generell lässt sich im Zeitalter des Internets sagen, dass es Menschen mit einem seltenen Namen einfacher haben, mit ihrer Leistung und ihrem Können hervorzustechen. „Seltene Namen prägt man sich leichter ein“, bestätigt die Karriereberaterin Svenja Hofert den Eindruck von Eva Fischer, der Frau mit dem Allerweltsnamen. Mit einem seltenen Namen sei man auch in den sozialen Netzwerken leichter und eindeutiger zu identifizieren. „Meine Erfahrung ist, dass seltene Namen Kindern schon in der Schule eine gewisse Besonderheit suggerieren, was sie selbstbewusster machen kann“, so Svenja Hofert.

Den Menschen mit einem 08/15-Namen bleibt also nicht viel übrig, als für digitale Sichtbarkeit zu sorgen, wenn sie nicht im Meer der Gleichnamigen untergehen wollen. Manchmal kann die Unauffindbarkeit im Internet aber auch ein Segen sein, denn so haben sie immerhin die Chance, ganz persönlich für einen guten ersten Eindruck zu sorgen – anstatt davon abhängig zu sein, welche Suchresultate zum eigenen Namen zuerst erscheinen.

 

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