Weniger arbeiten, gleichviel verdienen

Ein deutscher Firmengründer hat das Experiment der 25-Stunden-Woche gewagt – und ist damit sehr erfolgreich.

Karriere allgemein
Veröffentlicht am 07.09.2019 von Manuela Specker - Bildquelle: Shutterstock

Es klingt wie aus einem Märchen: Anstatt 8 Stunden arbeiten die 15 Mitarbeitenden von Lasse Rheingans nur noch 5 Stunden pro Tag. Was als Experiment vor zwei Jahren begann, gehört mittlerweile fest zur Arbeitskultur der in Bielefeld ansässigen IT-Firma Rheingans Digital Enabler. Lasse Rheingans hat nun seine Erfahrungen in einem Buch geschildert. „Die Fünf-Stunden-Revolution“ ist soeben im renommierten Campus-Verlag erschienen. Um es gleich vorweg zu nehmen: Weder haben die Aufträge noch die Konkurrenzfähigkeit unter der Arbeitsverkürzung gelitten, ganz im Gegenteil. Die Mitarbeitenden sind sogar produktiver.

Das bedingt eine strenge Arbeitsdisziplin ohne die üblichen Mikropausen und Ablenkungsmanöver, die sich gerade im Büroalltag gerne einschleichen. Morgens um 8 Uhr geht es los, straff und zielgerichtet, Sitzungen dauern nur noch 15 Minuten statt 60 Minuten, E-Mails werden nur noch zweimal am Tag gecheckt. Als Ausgleich organisiert der Firmenchef Teamevents, damit der Zusammenhalt darunter nicht leidet und das Zwischenmenschliche in diesem straffen Zeitmanagement nicht unter die Räder kommt. Dafür haben alle mehr Zeit für Erholung und Ausgleich in der Freizeit.

Es braucht eine andere Arbeitskultur
Klar ist aber auch: Das Modell funktioniert dort nicht, wo die Arbeit daran gekoppelt ist, dass Kundinnen und Kunden auf die entsprechende Dienstleistung während einer gewissen Zeitspanne Anspruch haben. Weder Flugzeugpiloten noch Tramchauffeure können ihre Arbeit effizienter erledigen. In solchen Berufen würden 5-Stunden-Tage vielmehr bedeuten, dass das Personal stark aufgestockt werden müsste. Hingegen böte sich in vielen anderen Jobs das Potenzial, Mitarbeitenden mehr Freiheiten zu gewähren, wenn Automatisierung und Digitalisierung bestimmte Arbeiten schneller, präziser und effizienter erledigen. Das setzt allerdings einen Wandel in einer Arbeitskultur voraus, in der heute Präsenz allzu oft mit Leistung gleichgesetzt ist. Es verwundert Rheingans nicht, dass die wenigen Unternehmen, die sich vom 8-Stunden-Arbeitstag verabschiedet haben und den Mitarbeitenden trotzdem denselben Lohn auszahlen, vor allem in Neuseeland, Schweden und den USA beheimatet sind. Dort sei die Grundstimmung tendenziell entspannter als bei uns, wo das Motto vorherrscht: Zuerst die Arbeit, dann das Vergnügen.

Rheingans spricht von „Plackereikultur“. Diese hat aber immer auch mit mehr Schein als Sein zu tun: „Ein solch konstant hohes Energielevel, wie die Arbeit heute von uns verlangt, ist für die meisten Menschen gar nicht mehr über volle acht Stunden durchzuhalten“, schreibt Rheingans in seinem Buch. Wenn jeder selber entscheiden könne, wann er mit welcher Intensität an welche Aufgaben gehe, könne er auch mehr und Besseres leisten. Es wäre auch die ehrlichere Variante der Arbeitsorganisation in einer Zeit, in der sich Arbeits- und Privatleben sowieso nicht mehr klar trennen lassen.

Das Ergebnis muss zählen, nicht die Präsenz
Der Vordenker und Firmengründer ist überzeugt: der 5-Stunden-Tag ist mehr als eine willkommene Neuorganisation der Arbeit für Mitarbeitende, die sich endlich nicht mehr im Dilemma zwischen mehr Geld oder mehr Freizeit befinden. Der 5-Stunden-Tag steigert auch die Wettbewerbsfähigkeit: „Wem es mit seiner Belegschaft gelingt, dieselbe oder sogar eine höhere Produktivität bei reduzierter Arbeitszeit zu erreichen, der muss den Wettbewerb mit Unternehmen, bei denen die Mitarbeiter wie bisher von morgens 9 Uhr bis nachmittags um 17 Uhr am Arbeitsplatz sind, nicht fürchten.“

Wenn Mitarbeitende mehr Zeit für sich haben, beflügle dies die Kreativität - und damit exakt jene Eigenschaft, die auf absehbare Zeit eben nicht durch Computer und Roboter zu ersetzen sei. Vor allem angesichts der Digitalisierung und des demografischen Wandels sei ein Paradigmenwechsel notwendig: „Statt der üblichen und viel zu wenig hinterfragten Präsenzkultur brauchen wir eine Leistungskultur, bei der das Ergebnis der Arbeit zählt und nicht, wann, wo und wie lange daran gearbeitet wurde“, so Rheingans.

 

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