Wie gut bin ich?

Wenn sich Mitarbeitende gegenseitig bewerten müssen, sind der Willkür und der Überwachung Tür und Tor geöffnet.

Karriere allgemein
Veröffentlicht am 14.12.2019 von Manuela Specker - Bildquelle: Shutterstock

Vordergründig handelt es sich um „gelebte Feedback-Kultur“: Mitarbeitende des Online-Versandhändlers Zalando bewerten über die Personalsoftware Zonar gegenseitig ihre Stärken und Schwächen. Es sind also nicht mehr nur Vorgesetzte, welche die Leistungen ihrer Teammitglieder beurteilen, es werden systematisch auch Feedbacks von Kolleginnen und Kollegen eingeholt – mit Auswirkungen auf Beförderungen und Gehaltserhöhungen. Was die Entwicklung der Mitarbeitenden vorantreiben sollte, erhöht in Tat und Wahrheit die Wahrscheinlichkeit, dass sie sich überwacht fühlen, und dass sie es auch tatsächlich sind.  Der obersten Berliner Datenschützer hat nun eine Datenschutzprüfung eingeleitet, zumal die betroffenen Mitarbeitenden der Speicherung solch umfassender Daten nie zugestimmt haben. Gut möglich, dass die detaillierte Dokumentation des Leistungsverhaltens ihre Rechte und Freiheiten beschneidet.

Ein Klima der Angst
Rund 5000 von insgesamt 14'000 Beschäftigten bei Zalando sind diesem Bewertungsregime ausgesetzt. Eine Untersuchung der Hans-Böckler-Stiftung lässt keine Zweifel offen: Es handle sich hier um ein „ein Konstrukt omnipräsenter Kontrolle“ und um ein „sozio-technisches System zur Herstellung und Legitimierung betrieblicher Ungleichheit“. Zalando nutze die Software, um Löhne tief zu halten und ein Klima der Angst zu erzeugen. Ein Mitarbeiter sprach gegenüber der „Süddeutschen Zeitung“ von Stasi-Methoden, die mit Zonar im Unternehmen Einzug gehalten haben. Zalando stellt sich auf den Standpunkt, es handle sich um eine „berechtigte Leistungskontrolle“.

Auf den ersten Blick scheint es sich um eine Demokratisierung der Leistungsbeurteilungen zu handeln, weil nicht mehr nur der Vorgesetzte bewertet. Doch wenn auch plötzlich der Mitarbeiter von nebenan seine Eindrücke vermitteln kann, sind der Willkür Tür und Tor geöffnet. Damit diese Form der Leistungsbeurteilung überhaupt einigermassen funktionieren kann, müssten alle gegenüber allen grundsätzlich wohlwollend eingestellt sein, niemand dürfte Absichten hegen, auf Kosten eines anderen seine Karriere voranzutreiben, und vor allem: alle müssten dazu in der Lage sein, andere fair und kompetent zu beurteilen. Unter diesen Voraussetzungen könnte die Evaluationssoftware tatsächlich zu mehr Transparenz und Mitbestimmung führen. Aber das setzt – man kann es gar nicht genug betonen - eine entsprechende Unternehmenskultur voraus.

Big Brothers are watching you
Die beschriebenen idealen Verhältnisse sind illusorisch und kaum in einem grösseren Betrieb anzutreffen. Erst recht nicht in einem Unternehmen wie Zalando, dessen fragwürdiger Umgang mit Mitarbeitenden schon im Jahr 2014 durch Undercover-Recherchen belegt werden konnten. Die Investigativ-Journalistin Caro Lobig arbeitete drei Monate lang beim Logistikzentrum in Erfurt – und erfuhr so am eigenen Leib, dass Druck, Misstrauen und Überwachung zum Arbeitsalltag gehören. Willkürliche Diebstahl-Kontrollen stellten Mitarbeitende unter Generalverdacht, und sie mussten bis an die Grenzen der körperlichen Belastbarkeit gehen. Zonar ist so gesehen nichts anderes, als die technische Verwirklichung der Misstrauenskultur: Mitarbeitende überwachen und beurteilen sich gegenseitig. Jeder wird auf diese Weise zu einem „Big Brother“.  Es ist dies die perfekte Strategie, Mitarbeitende zu disziplinieren und zu unterwerfen. Norbert Walter-Borjans, der neue Co-Parteivorsitzende der SPD, bringt es aus den Punkt: "Wir empören uns darüber, dass in China das Wohlverhalten der Bürger erfasst und bewertet werden soll und merken nicht, dass das System von Beobachtung, Kontrolle und Bewertung Einzug in die heimische Arbeitswelt hält."

Auch Firmen leiden bisweilen unter dem Bewertungsdruck, dem sie durch Internet-Plattformen wie Tripadvisor ausgesetzt sind. Oder Zahnärzte, Anwälte und Psychologinnen, die sich mittels Sternen-Rating bewerten lassen.  Immerhin: je mehr Bewertungen, desto grösser die Möglichkeit, dass diese Bewertungen ein realistisches Bild der Zustände abgeben. Ansonsten aber fallen negative Stimmen stark ins Gewicht – auch wenn sie nicht gerechtfertigt sind. Der Kunde wollte vielleicht einfach nur Dampf ablassen oder ist generell schwierig zufrieden zu stellen. Die Bewertungsmanie stattet diese Personen mit einer Macht aus, denen Firmen nahezu hilflos ausgeliefert sind. Nicht anders verhält es sich, wenn Personalsoftware in einem Unternehmen ermöglicht, dass sich Mitarbeitende gegenseitig bewerten: Man ist auf Gedeih und Verderb darauf angewiesen, dass die anderen korrekt und fair beurteilen. Das ist nicht etwa der Entwicklung der Mitarbeitenden dienlich, sondern fördert konformistisches Verhalten und Denunziantentum. In der Folge kann die Firma mit den Mitarbeitenden umspringen, wie es ihr gerade passt.

 

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