Das Alter soll kein Hindernis sein

Wie sich Menschen über 50 ideal auf dem Arbeitsmarkt positionieren – und wo die Stolperfallen lauern

Mitarbeiter 50+ / Pensionierung
Veröffentlicht am 29.09.2018 von Hans-Georg Willmann - Bildquelle: Thinkstock

Die gute Nachricht ist: Noch nie war die Zeit für über 50-jährige Mitarbeitende besser als heute, beruflich einen Aufbruch zu wagen. Gut ausgebildete Arbeitskräfte fehlen – weil mehr und mehr Mitarbeitende in den Ruhestand gehen und nicht genug junge Kräfte nachrücken. Die demografische Entwicklung spielt Menschen über 50, die freiwillig oder gezwungen eine neue Arbeit suchen, in die Hände.

Fakt ist aber auch: Die Digitalisierung reisst eine qualifikatorische Lücke auf dem Arbeitsmarkt. Der digitale Wandel verändert die Arbeitswelt sehr viel schneller als alles bisher Dagewesene. Anders als bislang in der Geschichte haben Arbeitskräfte nicht mehr so viel Zeit zur Verfügung, um sich persönlich und im Hinblick auf ihre Qualifikationen anzupassen. Sie müssen sich schneller bewegen, länger lernen, ideenreicher mit sich ständig verändernden komplexen Situationen klarkommen, mit Unsicherheit und mit Mehrdeutigkeit konstruktiv umgehen.

Auf diese fünf Faktoren kommt es an

Vielen Menschen über 50 fällt es deshalb schwer, sich auf dem Arbeitsmarkt neu zu positionieren. Trotz 20 oder 30 Berufsjahren und einem beeindruckend langen Lebenslauf finden viele keinen neuen Job. Oft auch deswegen, weil die persönliche Haltung in einer bestimmten Denkweise gefangen ist und das digitale Know-how fehlt.

Fünf Erfolgsfaktoren helfen über 50-Jährigen dabei, sich erfolgreich auf dem Markt zu positionieren:

-Neben den immer wichtigeren Fähigkeiten im IT-Bereich spielen übertragbare Fähigkeiten eine entscheidende Rolle für den Joberfolg. Dabei handelt es sich um Fähigkeiten, die branchen- und aufgabenunabhängig eingesetzt werden können. Dazu zählen zum Beispiel Kommunikationsfähigkeit, Selbst- und Zeitmanagement; Problemlöse-, Organisations- und Lernfähigkeit, Führungsqualität und Fremdsprachen.

-Von Vorteil ist die meist höhere zeitliche und räumliche Flexibilität, weil in der Regel die Familienplanung abgeschlossen ist. Das kann im Bewerbungsprozedere entsprechend ins Feld geführt werden. Auch folgende Eigenschaften werden gerade bei über 50-Jährigen speziell geschätzt: die Bereitschaft, Verantwortung zu übernehmen, Disziplin und Durchhaltevermögen, Branchen-, Fach- und Spezialkenntnisse, langjährig gepflegte Netzwerke, Empathie und Geduld, Verbindlichkeit in der Kommunikation und im Handeln, gute Umgangsformen, Seniorität, Lebenserfahrung.

-Ein zentraler Schlüssel zum Erfolg mit über 50 ist die persönliche Einstellung. Gefragt ist eine realistische, offene und aktive Haltung. Denn unabhängig von der Digitalisierung haben Arbeitgeber oft Bedenken gegenüber Bewerbern 50 plus. Ihre Erfahrungen zeigen, dass ältere Bewerber häufig unrealistisch hohe Gehaltsvorstellungen haben und damit für Arbeitgeber zu teuer sind. Viele befürchten zudem, dass über 50-Jährige nicht mehr so fit und belastbar sind und häufiger krank werden, dass sie nicht mehr so lernbereit und lernfähig sind und sich weniger offen auf unterschiedliche Menschen, Situationen und Technologien einstellen können. Wer diese Bedenken selbstkritisch reflektiert und mit realistischen Vorstellungen offen und aktiv auf die Jobsuche geht, hat bessere Chancen, beruflich durchzustarten und gleichzeitig die Vorurteile gegenüber älteren Mitarbeitenden abzubauen.

-Die Suche nach passenden Arbeitgebern – also jenen, die Mitarbeiter 50 plus willkommen heissen - ist ein weiterer Schlüssel für eine erfolgreiche Neupositionierung. Bei diesen Arbeitgebern handelt es sich meist um KMU, die weniger in Hightech-Branchen tätig sind, sondern in herkömmlichen Feldern agieren. Es sind Arbeitgeber, deren Firmensitz häufig ausserhalb grösserer Städte auf dem Land liegt und die in der Bevölkerung weniger bekannt sind als die grossen Konzerne. Diese Arbeitgeber haben es schwerer, Fach- und Führungskräfte zu rekrutieren und sind deshalb offener gegenüber Bewerberinnen und Bewerbern über 50.

-Eine veränderte, digitale Arbeitswelt bringt auch neue Bewerbungsprozedere mit sich. Das Internet spielt inzwischen für die allermeisten Personaler eine zentrale Rolle bei der Recherche nach und der Prüfung von geeigneten Kandidaten. Laut Umfragen googeln heutzutage mehr als 62 Prozent aller Personalentscheider ihre Bewerberinnen und Bewerber, bevor sie sie zu einem Vorstellungsgespräch einladen. Wer seine digitalen Spuren im Netz nicht kennt und sich nicht sicher ist, wie weiss die digitale Weste scheint, sollte diese unbedingt kontrollieren. Ausserdem ist es nützlich, sich aktiv ein digitales Profil bei einem Karrierenetzwerk wie XING oder LinkedIn anzulegen.

Mit den übertragbaren Fähigkeiten, den eigenen Stärken 50 plus, mit einer realistischen, offenen und aktiven Einstellung und mit ein wenig Know-how über den Arbeitsmarkt und das Internet ist die Chance gross, dass der Aufbruch gelingt – ob mit 50, 55 oder darüber hinaus.

Hans-Georg Willmann ist Diplom-Psychologe, Coach und Autor des soeben erschienenen Buches „Durchstarten mit 50 plus – Wie Sie Ihre Chancen auf dem Arbeitsmarkt nutzen“.  Campus-Verlag, 2018.