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Mitarbeiter 50+ / Pensionierung

Auf dem Abstellgleis

Mitarbeiter 50+ / Pensionierung
15. November 2015
Die psychischen Folgen der Pensionierung werden latent unterschätzt
Der „wohlverdiente Ruhestand“ kann sich leicht zum Albtraum entwickeln. Darum sollte der neue Lebensabschnitt nicht nur in finanzieller Hinsicht vorbereitet werden.
 
Von Manuela Specker
Endlich mehr Zeit haben! Nicht mehr in Strukturen eingebunden sein, Ausflüge nach Lust und Laune unternehmen – so manch ein Erwerbstätiger stellt sich so das Leben als Rentner vor. Doch was es in Tat und Wahrheit bedeutet, wird gerne unterschätzt. Schlägt die Altersguillotine mit 65 bzw. 64 zu, schaut nämlich alles anders aus. Vor allem für jene, die sich stark über die Arbeit definiert haben.
 
Plötzlich nicht mehr gefragt zu sein, ist eine schmerzhafte Erfahrung, selbst wenn man materiell abgesichert ist und aus finanziellen Gründen nicht mehr arbeiten müsste. Die freie Zeit, die den Rentnerinnen und Rentnern zur Verfügung steht, dehnt sich plötzlich ins Unermessliche, die fehlende Tagesstruktur wird zur Bürde. Nicht umsonst bezeichnet der renommierte Glücksforscher Bruno S. Frey die Zwangspensionierung als „glücksvernichtend“.
 
Euphemistisch ist von „wohlverdientem Ruhestand“ die Rede, und die Werbung zeichnet das Bild von fitten Senioren, die glücklich lächelnd, kerngesund und mit voller Haarpracht auf dem Velo dem Flussufer entlang fahren. Wolfgang Prosinger, der als Rentner ein Buch über Rentner geschrieben hat, präsentiert ein ganz anderes Szenario: Selbstmorde und Depressionen nehmen zu, nachdem die Rente begonnen hat. Auf seinen Lesereisen erhält er jeweils sehr viel Zuspruch, wenn er so offen und direkt die Nöte vieler pensionierter Menschen anspricht.
 
Wissenschaftliche Erkenntnisse stützen diese Sichtweise: Die Altersforscherin und Soziologin Ursula Staudinger zum Beispiel hat Daten aus elf Industrieländern unter die Lupe genommen und festgestellt: Der Abschied aus dem Arbeitsleben schadet der Gesundheit und reduziert die Lebensfreude.  Denn der Beruf garantiert in der Regel einen strukturierten Tagesablauf sowie soziale Kontakte, im besten Fall auch Erfolgserlebnisse sowie Sinnhaftigkeit. Dinge, für die man im Ruhestand aktiv etwas unternehmen muss.  
 
Das Unglück im Pensionsalter ereilt vor allem jene, welche diese Eigeninitiative nicht mitbringen und die sich mental in keiner Art und Weise auf die neuen Lebensumstände vorbereiten. Diese Vorbereitung sollte noch während der Erwerbstätigkeit angepackt werden. Denn wer sich bereits im Strudel von zu viel Freizeit und fehlender Anerkennung befindet, hat kaum den Antrieb, etwas Neues anzupacken.
 
So empfiehlt es sich, Struktur in die Tage als Rentnerin oder als Rentner zu bringen anstatt sich planlos der unendlichen Freizeit zu überlassen. Ins andere Extrem sollten die Pensionierten aber auch nicht kippen und jede Minute verplanen. Wer als Rentner plötzlich gestresster ist als früher, macht definitiv etwas falsch – ein Burnout droht nicht nur Arbeitnehmenden. Ebenfalls bewährt hat es sich, bereits während der Erwerbstätigkeit anderen sinngebenden Tätigkeiten nachzugehen. Wer sich nicht ausschliesslich über die Arbeit definiert, verringert die Wahrscheinlichkeit, im Pensionsalter in ein Loch zu fallen.
 
Das ist aber einfacher gesagt als getan. Denn je nach Job bleibt Erwerbstätigen gar nicht viel Zeit, irgendwelche Hobbies und Freundschaften zu pflegen. Stattdessen haben sie sich daran gewöhnt, permanent erreichbar zu sein und im Viertelstundentakt die E-Mails abzurufen. Unter diesen Umständen kann es sich tatsächlich eigenartig anfühlen, wenn mit dem Ausscheiden aus dem Erwerbsleben plötzlich Funkstille herrscht, weil am alten Arbeitsplatz kein Hahn mehr nach einem kräht.  Gerade für diese Menschen lohnt es sich, die erzwungene Pensionierung zu umgehen.

Noch ist es unüblich, dass Menschen über das offizielle Pensionsalter hinaus beschäftigt werden. Zwar kennen immer mehr Firmen Übergangsmodelle für Arbeitnehmende ab 58 – zum Beispiel, indem sie Teilzeit arbeiten, aber weiterhin voll versichert bleiben können. Lösungen für die Zeit nach 65 sind hingegen Mangelware. Die besten Chancen hat, wer über hochspezialisiertes Wissen verfügt. Ansonsten ist viel Eigeninitiative gefragt. So kann man nach der offiziellen Pensionierung seine Arbeitskraft auf freiberuflicher Basis anbieten oder ganz andere Betätigungsfelder als im bisherigen Beruf finden. Nachfolgend einige Beispiele spezifischer Stellenbörsen für Pensionierte:
 
www.rentarentner.ch
www.pensiojob.ch
www.arbeitsrentner.ch
www.rentnerpower.ch

Foto: Thinkstock
 

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