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Teilzeit / Flexible Arbeitsmodelle

Aus dem Takt

Teilzeit / Flexible Arbeitsmodelle
11. Mai 2014
Aus dem Takt
Über die Schattenseiten der Nachtarbeit  - und wie sie besser zu ertragen ist
 
Nachtarbeit kann die Gesundheit gefährden. Für Firmen lohnt es sich, auf Erkenntnisse der Chronobiologie zu hören.
 
Von Manuela Specker
 
Etwa rund 20 Prozent der Erwerbstätigen leisten in der Schweiz Schichtarbeit, die meisten davon auch nachts. Gerade weil das Verdienst höher ist und mehr Freizeit gewährt wird, ist Nachtarbeit, also die Arbeit zwischen 23 und 6 Uhr, nicht per se unbeliebt. Untersuchungen kommen sogar  zum überraschenden Schluss, dass Nachtarbeiter oft gesünder sind als solche, die ihren Job zu normalen Arbeitszeiten ausführen. Das liegt daran, dass eine gute Konstitution Voraussetzung ist, um überhaupt mit den Bedingungen zurecht zu kommen. Auf Dauer bleibt Nachtarbeit aber selten ohne Folgen für die Gesundheit – die Nebenwirkungen machen sich oft erst später bemerkbar. Laut dem Staatssekretariat für Wirtschaft (Seco) schätzen nur gerade 10 Prozent der Betroffenen Nachtarbeit als unproblematisch für ihre Gesundheit ein.

Wer arbeitet, wenn andere schlafen, bringt nicht nur seine Schlafgewohnheiten, sondern den ganzen biologischen Rhythmus durcheinander. Magen-Darm-Beschwerden gehören aufgrund der unregelmässigen Arbeitszeiten zu den häufigsten Beschwerden. Das chronische Schlafdefizit, das sich ansammelt, zeitigt ebenfalls Folgen, weil es auf Dauer das Immunsystem schwächt. Sogar Übergewicht wird mit Schlafstörungen in Verbindung gebracht. Ein anderer Problemfaktor ist die Ausgestaltung des Soziallebens - nur schon deshalb sollten Firmen ihre Mitarbeitenden früh in die Erstellung der Schichtpläne miteinbeziehen.

Firmen sind insbesondere gut beraten, wenn sie in der Gestaltung ihrer Schichtpläne die Erkenntnisse aus der Chronobiologie berücksichtigen. So werden vorwärts rotierende Schichten am besten vertragen: zuerst Früh- , dann Spät- und schliesslich Nachtschicht. Aus medizinischer Sicht sind zudem wenig aufeinanderfolgende Nachtschichten am sinnvollsten, also maximal drei Nächte hintereinander. Das bedingt allerdings einen organisatorischen Mehraufwand.
 
Christian Cajochen, Leiter der Abteilung Chronobiologie der Universitären Psychiatrischen Klinik Basel, empfiehlt Firmen sogar, die Schichtpläne chronobiologisch auf die Mitarbeitenden auszurichten. Konkret bedeutet dies, dass sie auf die verschiedenen Schlaftypen Rücksicht nehmen, die erst einmal ermittelt werden müssen. Die wohl bekannteste Kategorisierung betrifft jene der „Lerchen“ und der „Eulen“: Lerchen sind jene, die frühmorgens putzmunter sind, aber abends gerne früh schlafen gehen, während Eulen vor allem in den Abendstunden zur Hochform auflaufen.  
 
Zwischen den Anforderungen der Arbeitswelt und dem Rhythmus der inneren Uhr besteht offensichtlich eine Diskrepanz, die bei Nachtarbeitern besonders ausgeprägt ist. Der Münchner Chronobiologe Till Roenneberg spricht in diesem Zusammenhang von „social Jetlag“. Er fordert deshalb:  „Wir müssen viel mehr individualisieren“.
 
Der Hintergrund dieses Anliegens ist die Tatsache, dass sich die innere Uhr nicht überlisten lässt, sie verändert sich höchstens mit dem Alter. Mit besser auf Individuen abgestimmten Schichtplänen liessen sich zweifellos Folgekrankheiten reduzieren – und nebenbei die Produktivität steigern.  
 
Nach Angaben des Seco müssen etwa 20 Prozent aus gesundheitlichen Gründen der Schichtarbeit bereits nach einem Jahr den Rücken kehren. Mittlerweile hat sich sogar der Verdacht erhärtet, dass Nachtarbeit bei Frauen das Risiko für Brustkrebs erhöht. Die dänische Krebsgesellschaft  schaute sich die Gesundheitsdaten von knapp 19`000 Frauen genauer an und stellet fest: Frauen, die während sechs Jahren mindestens dreimal pro Woche Nachtschicht hatten, wiesen ein doppelt so hohes Risiko auf, an Brustkrebs zu erkranken als Frauen, die normalen Arbeitszeiten nachgehen konnten. Den Grund orten die Wissenschaftler in den gestörten Tages- und Nachtrhythmen.
 
In der 24-Stunden-Dienstleistungsgesellschaft sind es im übrigen längst nicht nur Nachtarbeiter, die nicht mehr nach ihrem natürlichen Schlaf-Wachrhythmus leben.  Das Forscherteam um Christian Cajochen konnte nachweisen, dass das Licht aus LED-Bildschirmen mit seinem hohen Blaulichtanteil die innere Uhr beeinflusst. Wer also abends fünf Stunden vor dem PC sitzt, unterdrückt die Produktion des Schlafhormons Melatonin. Das verschiebt das Müdewerden um bis zu einer Stunde. Gerade Nachtarbeiter können sich aber den Einfluss des Lichts auf die innere Uhr zunutze machen. Wer sich mit der Sonnenbrille auf den Heimweg macht und sich direkt in ein abgedunkeltes Zimmer schlafen legt, kann die negativen Folgen des unnatürlichen Rhythmus etwas abfedern.

 

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