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Karriere allgemein

Der Generalist, ein Auslaufmodell?

Karriere allgemein
01. Februar 2015
Warum sich für Mitarbeitende den Mittelweg zwischen Expertenwissen und Generalistentum lohnt
Der Arbeitsmarkt erfordert mehr denn je Spezialisten. Das birgt für die Betroffenen aber auch gewisse Gefahren.
 
Von Manuela Specker

 
Im Job-Leben läuft es rund, die Routine bringt Entspannung nach vielen Jahren in der Praxis, gleichzeitig hat der Lohn Höhen erreicht, die kaum mehr Wünsche offen lassen: Spätestens ab 40 kann sich ein gefährliches Sicherheitsgefühl im Job einschleichen. Dabei ist niemand vor einem Jobabbau gefeit. Wer weiss denn beispielsweise heute schon, wie sich die gegenwärtige Frankenstärke langfristig auf den Arbeitsmarkt auswirken wird? Swissmechanic, der Branchenverband der kleinen und mittleren Maschinen-, Elektro- und Metallindustriebetriebe, meldet bereit erste Entlassungen – für viele KMU-Betriebe stelle die Euro-Krise ein strukturelles Problem dar. Bei Produktionsverlagerungen ins Ausland sind allerdings nicht nur Ungelernte gefährdet, die repetitive Arbeiten ausführen, sondern auch so genannte Generalisten.
 
Personalexperten beobachten jedenfalls, dass vor allem Leute mit Generalistenprofil, die nicht mehr genau auf eine Stelle passen, Mühe haben bei der Jobsuche. Unternehmen schauen offenbar viel genauer darauf, dass ein Kandidat genau auf das Profil passt. Im Zweifelsfall suchen sie lieber ein paar Monate länger. Oft müssten Kandidaten mindestens 95 Prozent des Anforderungsprofils erfüllen, sagte Pascal Scheiwiller, der bis Ende 2014 die Karriere- und Outplacement-Beratungsfirma Lee Hecht Harrison in der Schweiz führte, gegenüber der „Handelszeitung“.
 
Arbeitnehmende kommen nicht darum herum, sich regelmässig zu fragen, welche Perspektiven ihnen der eingeschlagene berufliche Weg noch bietet – und in welchen Bereichen sie sich weiter spezialisieren müssen, wenn sie nicht in einer Sackgasse landen wollen. Letztlich geht es darum, das eigene Profil immer wieder den betrieblichen Bedürfnissen anzupassen.
 
Was für Freischaffende schon lange gilt, sollten sich also auch Angestellte vermehrt zu Herzen nehmen: sich auf eine bestimmten Gebiet ein Profil schaffen und Wissen aneignen, das nicht so leicht austauschbar ist. Dieses Spezialistentum ist aber nicht mit einem Tunnelblick zu verwechseln. So ist in der heutigen Arbeitswelt mehr denn je verlangt, Zusammenhänge über das eigentliche Expertengebiet zu erkennen und Wissen zu vernetzen. Wer zum Beispiel aus einer geisteswissenschaftlichen Richtung kommt, ist gut beraten, sich im Verlauf seiner Karriere auch betriebswirtschaftliche Kenntnisse anzueignen.
 
Damit demonstriert man ein breites Interesse, ohne die eigene Spezialisierung aus den Augen zu verlieren. Überhaupt kann die Spezialisierung nur dann erfolgreich zum Tragen kommen, wenn diese auf einem breiten Fundament an Fähigkeiten und Erfahrungen beruht. Niemand möchte einen Fachidioten anstellen. „Die Durchlässigkeit zwischen Generalisten- und Spezialistenrollen nimmt in vielen Unternehmen zu“, beobachtet Doris Walger, Leiterin Recruitment Services bei HRblue, dem Beratungsunternehmen für Personalabteilungen.
 
Gerade für Managementaufgaben ist es geradezu zwingend, das Augenmerk auf die unterschiedlichsten Prozesse in einem Unternehmen legen zu können. Eine zu enge Spezialisierung ist genauso riskant wie ein allzu oberflächliches Wissen über alle möglichen Bereiche ohne Vertiefung. Der Mittelweg scheint auch für freischaffende IT-Spezialisten erfolgsversprechend zu sein, wie eine Umfrage der Personalagentur Gulp unter mehr als 2000 IT-Freelancern zu Tage förderte. So erleben sie es immer wieder, dass häufig Externe ins Boot geholt werden, weil sie über ein Spezialwissen verfügen, dass in Unternehmen nicht vorhanden ist. Doch wer als Spezialist ins Projektteam komme, sollte ebenso allgemeines Wissen mitbringen, um den Gesamtzusammenhang und die Tätigkeiten der anderen Projektmitglieder verstehen zu können, heisst es in der Studie.   
 
Auch im Bewerbungsprozess sind nach wie vor die meisten Kandidaten gut beraten, wenn sie nicht alleine ihr Spezialistentum hervorstreichen, obwohl der Arbeitsmarkt zunehmend Spezialisten erfordert. Zwei Forscher von der amerikanischen Kellogg School of Management werteten Stellenanzeigen aus, verglichen diese mit dem definitiven Personalentscheid und stellten fest: Es kommt vor, dass sich Personalfachleute von einer grossen Erfahrungs- und Themenbandbreite blenden lassen, so dass Spezialisten im direkten Vergleich mit Generalisten ins Hintertreffen geraten können. Wurden beide Kandidaten getrennt bewertet, hatte der Spezialist die grösseren Chancen als der Generalist.


Foto: Thinkstock

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