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Der überschätzte Professor

Karriere allgemein
21. Februar 2016
Ein hoher Lohn korreliert nicht automatisch mit hoher Intelligenz.
Menschen aus bestimmten Berufen wird eine höhere Intelligenz attestiert -  ein grosses Missverständnis. Neue Einblicke in das Mysterium „IQ“.

Von Manuela Specker
Nicole Barr (13) aus England hat bei einem IQ-Test sagenhafte 162 Punkte erreicht. Das sind zwei Prozentpunkte mehr als der Astrophysiker Stephen Hawking vorweisen kann, einer der intelligentesten Menschen auf diesem Planeten. Bereits haben Elite-Universitäten Interesse bekundet, sie als Studentin zu gewinnen. Nicole Barr, eine Ausnahmeerscheinung, wird sich in nächster Zeit kaum über mangelnde Förderung beklagen.

Wie steht es um die eigene Intelligenz? Kaum jemand kennt seinen IQ, denn in den Personalauswahlverfahren sind IQ-Tests nicht Standard. Aber fast alle meinen zu wissen, in welchen Berufszweigen es besonders viele intelligente Menschen gibt. „Professor“ oder „Professorin“ ist so ein Beruf, der eine besonders hohe kognitive Leistungsfähigkeit vorauszusetzen scheint.

Der deutsche Soziologe Harald Welzer widerspricht vehement: Wir sitzen mit solchen Annahmen einem grossen Missverständnis auf. „Unter Professoren gibt es genauso viele dumme Menschen wie unter Polizisten, Putzfrauen oder Polsterern, und umgekehrt“, meint er. Es seien lediglich gesellschaftliche Verteilungsmuster von Statuschancen, die suggerierten, es gäbe eine Korrelation zwischen Besoldungsstufe und intellektuellem Leistungsvermögen. Die Vorstellungen von Intelligenz sind also immer auch geprägt von Werthaltungen. „In jeder gesellschaftlichen Subgruppe, egal ob man diese nach Schicht, Geschlecht, Ausbildung oder Beruf differenziert, bleiben die Anteile der Intelligenten (20 Prozent) konstant“, so Welzer.

Also ab zum IQ-Test? Er hilft einzuschätzen, wie die Leistungen im Test innerhalb der Vergleichsgruppe verteilt sind. Ein Wert von 100 bedeutet, dass 50 Prozent der Vergleichsgruppe ein höheres oder ein tieferes Ergebnis erzielt haben. Ein seriöser Intelligenztest variiert zwischen Zahlen-, Figuralen- und Wortaufgaben, testet das Kurzzeitgedächtnis und berücksichtigt die Geschwindigkeit, in der die Aufgaben gelöst werden – entsprechend viel Zeit nimmt so ein Test in Anspruch. Kaum Aussagekraft haben hingegen all die Selbsttests, die im Internet kursieren.

Aber selbst seriöse Tests haben einen Haken. Wie hielt doch der Psychologe Edwin Boring bereits 1923 fest: „Intelligenz ist, was ein Intelligenztest misst“. Der Begriff „Intelligenz“ hat deshalb immer auch starken normativen Charakter. Die Forschung beisst sich bis heute die Zähne aus, wie Intelligenz exakt definiert werden kann.

Die Höhe eines IQ sagt jedenfalls noch nichts darüber aus, welche Leistung jemand tatsächlich erbringt. Intelligenz ist kein Selbstläufer - beruflicher Erfolg setzt auch Leistungsmotivation, Selbstdisziplin und Interesse voraus.

Ein hoher Intelligenzquotient garantiert also noch lange keine steile Karriere. Im Gegenteil. Manche hochbegabte Menschen haben zum Beispiel grösste Mühe, sich in Hierarchien einzufügen und bestehende Strukturen zu akzeptieren, weil sie ständig Wege sehen, wie es besser laufen könnte. Wenn sie ihre Eigenständigkeit nicht als Unternehmer ausleben können, stossen sie schnell an Grenzen.

Die Messung des IQ und seine Aussagekraft ist aus einem anderem Grund differenziert zu betrachten: Diverse Studien konnten einen Trainingseffekt nachweisen. Wer mehrere IQ-Tests absolviert, schneidet mit der Zeit besser ab, weil er mit den Testmechanismen vertraut ist. Aber niemand käme deshalb auf die Idee, in dieser Zeit intelligenter geworden zu sein.

Die Diskussionen um das Wesen der Intelligenz treiben mitunter seltsame Blüten. Dass es auch eine „emotionale Intelligenz“ gibt, ist mittlerweile anerkannt. Aber es scheint nun für fast jede Disziplin eine eigene Form von Intelligenz zu geben – als ob sich jeder ein Stück vom Intelligenzkuchen abschneiden wollte. Dabei ist Intelligenz nicht an Inhalte gebunden; sie entwickelt sich in Abhängigkeit von genetischen Voraussetzungen und Lerngelegenheiten.

Der genetische Faktor von Intelligenz ist nach wie vor ein heisses Eisen. Der Zusammenhang relativiert sich aber rasch, wenn jüngste Forschungsergebnisse beigezogen werden: Die kognitiven Fähigkeiten des Gehirns mögen zwar genetisch gesteuert sein, die unzähligen Gene stehen aber in einer steten Wechselwirkung mit der Umwelt. Äussere Einwirkungen bestimmen, ob gewisse Gene überhaupt aktiviert werden oder nicht. Dazu gehören eben nicht nur Faktoren wie die Ernährung oder Bewegung, sondern auch geistige Anregungen, die einem in jungen Jahren zuteil werden. Die britische Hochbegabte Nicole Barr konnte sich nie darüber beklagen. Sie machte ihre Eltern bereits im Alter von zwei Jahren hellhörig, weil sie eigenständig mathematische Aufgaben löste. Sie ist auch der beste Beweis dafür, dass Intelligenz nicht an Herkunft gebunden ist, sondern an die Möglichkeiten, dass sie sich entfalten kann: Nicole Barr entstammt einer Roma-Familie.

Foto: Thinkstock

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