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Falsch getaktet

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27. Dezember 2015
Weshalb Frühaufsteher, auch Lerchen genannt, eher Karriere machen
Die Arbeitswelt und die Schulen richten sich ganz nach den Frühaufstehern. Chronobiologen und Schlafexperten fordern ein Umdenken.
 
Von Manuela Specker
Der Münchner Professor und Chronobiologe Till Roenneberg ist ein Morgenmuffel. Frühmorgens gibt er deshalb grundsätzlich keine Interviews. Damit gehört er zu jenen, die sich ihre Arbeit anhand ihrer Tagesform einteilen können. Die Realität schaut für viele anders aus: Da sind Arbeitszeiten vorgegeben, und wenn der morgendliche Langschläfer auf 8 Uhr eine Präsentation halten muss, kann er nicht erst um 10 Uhr auftauchen.
 
Die üblichen Tages-Arbeitszeiten bevorzugen eindeutig die Lerchen. So werden jene Menschen genannt, die gerne früh am Morgen aufstehen und sofort topfit sind. Jene, die erst abends in die Gänge kommen, zählen zu den Eulen. „Frühaufsteher und Kurzschläfer machen eher Karriere“, beobachtet Roenneberg. In der Tat brüsten sich Manager gerne damit, dass sie sehr früh mit der Arbeit beginnen. Wie Apple-Chef Tim Cook, der angibt, um 3.45 Uhr aufzustehen, um danach E-Mails abzuarbeiten und Sport zu treiben, bevor er als Erster im Büro erscheint.
 
Frühaufsteher gelten in der heutigen Arbeitswelt automatisch als fleissig und dynamisch - im Gegensatz zu jenen, die am Morgen ins Büro schlurfen und noch nicht so richtig auf Touren kommen, weil der frühe Arbeitsbeginn ihrer inneren Uhr widerspricht und sie sich somit in einer Art Jetlag befinden. Untersuchungen des Biologen Christoph Randler, Professor an der Pädagogischen Hochschule in Heidelberg, zeigen tatsächlich, dass Frühaufsteher ein höheres Leistungsvermögen an den Tag legen. Doch die Eulen sind nicht etwa weniger produktiv als die Lerchen – sie erreichen ihre Höchstleistung nur zu anderen Zeiten, die oft nicht mit den Tages-Arbeitszeiten in den Unternehmen übereinstimmen.
 
Firmen würden sich einen Gefallen tun, wenn sie ihre Mitarbeitenden stärker nach ihrem eigenen Rhythmus arbeiten liessen, sofern dies der Jobinhalt zulässt. „Je grösser das Zeitfenster, das Unternehmen anbieten, desto eher können sich die Menschen ihre persönliche produktivste Schaffenszeit aussuchen. Das wäre für beide Seiten eine Win-Win-Situation“, so Roenneberg.
 
Studien zufolge gehört nur etwa ein Sechstel der Bevölkerung zu den sogenannten Morgenmenschen und hat keine Probleme mit den üblichen Arbeits- und Schulzeiten. So häufen sich über all die Jahre hinweg beträchtliche Schlafdefizite an, denn die innere Uhr lässt sich nicht einfach austricksen, indem man seine Schlafzeiten verschiebt. Es sind biochemische Prozesse, welche die innere Uhr steuern – mit Motivation und Wille hat das wenig zu tun. Auch das Alter hat einen Einfluss: Die Mehrheit der Jugendlichen gehört zu den Eulen.
 
Ihr Rhythmus gemäss der inneren Uhr wäre, abends länger wach zu bleiben und am Morgen später aufzustehen. Bereits in der Schule wird also der Takt für viele falsch angegeben, da die Lektionen frühmorgens beginnen. „Die meisten Heranwachsenden sind chronisch müde“, weiss Hans-Günter Weess, der die im Dezember durchgeführte Tagung der Deutschen Gesellschaft für Schlafforschung und Schlafmedizin in Mainz leitete. Sie würden unter einem Dauerschlafmangel leiden und hätten Schwierigkeiten, sich zu konzentrieren oder sich für das Lernen zu motivieren.
 
Till Roenneberg machte ein interessantes Gedankenexperiment: Was wäre, wenn alle Jugendlichen ihre Prüfungen erst ab 11 Uhr schreiben müssten? „Man kann nachweisen, dass Prüfungsnoten vom Chronotypus abhängen – also davon, ob der Schüler Früh- oder Spätschläfer ist“, so Roenneberg gegenüber der „Süddeutschen Zeitung“. Das schlechtere Abschneiden der Spätschläfer habe sowohl mit dem falschen Zeitpunkt des Lernens als auch mit den Prüfungen zu tun, die zu früh am Morgen festgesetzt seien. Lerchen hätten wohl auch ihre Mühe, wenn sie um Mitternacht zum Test antraben müssten. Ein späterer Prüfungsbeginn wäre ein fairer Kompromiss: Frühtypen seien um 11 Uhr in der Regel noch leistungsfähig und Spättypen würden so die Chance bekommen, bessere Noten zu schreiben.
 
Gemäss Erkenntnissen aus der Chronobiologie gibt es auch bei den Arbeitszeiten ein Zeitfenster, das beiden Chronotypen entgegen kommt: Zwischen 10 und 12 Uhr scheint für Eulen als auch für Lerchen konzentriertes Arbeiten möglich. Wer seine Arbeitszeit autonom einteilen kann, profitiert enorm, wenn die Tätigkeiten der jeweiligen Leistungskurve angepasst werden. Warum nicht das Abarbeiten von E-Mails auf 16 Uhr verschieben, wenn das kreative Potenzial erschöpft ist, anstatt sich in den produktiven Stunden damit abzugeben? Stimmen Arbeit und Schlafbedürfnis überein, tut man auf jeden Fall seiner Gesundheit einen Gefallen. Eine Eule sollte also nie den Beruf des Bäckers wählen und Lerchen sind besser bedient, wenn sie sich nicht zum Nachtwächter ausbilden lassen.

Foto: Thinkstock

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