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Karriere allgemein

Kinder statt Karriere

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28. August 2016
Was bedeutet es, ganz auf die Karte Hausfrau und Mutter zu setzen? Und wie gelingt der Wiedereinstieg in den Beruf?
 
Von Manuela Specker
Helena von Hutten (30) muss damit leben, von anderen Frauen als Verräterin und als unemanzipiert angeschaut zu werden  - weil sie zu 100 Prozent als Hausfrau arbeitet und sich in erster Linie um ihre drei Töchter kümmert. Die Berlinerin stellt mit diesem Modell in ihrer Wohngegend die Ausnahme dar und ist immer wieder Kritiken und Anfeindungen ausgesetzt. Zum Beispiel auf dem Spielplatz, wo sie sich schon anhören musste: "In der Kita hätte deine Tochter Sozialverhalten gelernt." Und das nur, weil sich ihr Kind ein Förmchen zurückeroberte, das ihm zuvor ein anderes Kind weggenommen hatte.
 
Diese Stigmatisierungen gingen nicht spurlos als Helena von Hutten vorbei. Es gab Zeiten, in denen sie Schweissausbrüche kriegte, wenn sie bei einer Behörde auf dem Formular als Beruf „Hausfrau“ angeben musste. Mittlerweile kann Helena von Hutten gut mit der Situation umgehen. Sie hat sogar auf dem Internet in einem offenen Brief ihrem Ärger Luft gemacht – und damit zahlreichen anderen Frauen, die sich für dieses Modell entschieden haben, aus dem Herzen gesprochen. „Sie sind einem grossen gesellschaftlichen Druck ausgesetzt, wenn sie zu Hause bleiben wollen und somit als Heimchen am Herd oder Retro-Weibchen tituliert werden und keine Anerkennung finden.“
 
Anerkennung ist das Stichwort. Wir leben in einer Zeit, in der sich die meisten Menschen in erster Linie über ihren Beruf definieren. „Hausfrau“ gilt nicht einmal als Beruf, weil die Tätigkeit unbezahlt ist. Und so stehen Frauen, die ihrem Beruf den Rücken kehren und stattdessen Heim und Herd zu ihrem Lebensinhalt machen, oft auch mit dem Rücken zur Wand, weil das Hausfrauen-Dasein als unemanzipiert gilt und tatsächlich die Anerkennung dafür fehlt.
Das zeigt sich nicht zuletzt beim Wiedereinstieg in die Berufswelt. Gemäss einer Umfrage des psychologischen Institutes der Universität Zürich unter 64 Personalmanagern wird eine Babypause, die länger als 12 Monate dauert, überwiegend negativ bewertet.
 
Viele Arbeitgeber sehen „Hausfrau“ nicht etwa als Tätigkeit an, welche die betreffenden Frauen auf allen Ebenen weitergebracht hat, sondern als Phase, in der man sich beruflich nicht weiterentwickeln konnte. Ein Missverständnis, denn: Wer sich für diesen Lebensentwurf entscheidet, stärk nicht selten seine Stressresistenz und Konfliktfähigkeit, lernt, verschiedene Dinge gleichzeitig zu managen und baut seine Sozialkompetenzen und das Organisationstalent aus.
Wegen der Geringschätzung fällt der Wiedereinstieg in die bezahlte Berufswelt oft schwer. Wie kann er trotzdem gelingen? In erster Linie sollten sich die Frauen bewusst machen, wie sie sich in dieser Zeit weiterentwickelt haben, anstatt die Haltung zu übernehmen, sie seien „nur“ Hausfrau gewesen. Wer bei Bewerbungsgesprächen mit entsprechendem Selbstbewusstsein auftritt, hat definitiv bessere Chancen – wenn man denn nicht schon aufgrund der Lücke vorher aussortiert wurde. Das ist leider noch immer die Realität.
 
Leichter fällt der Wiedereinstieg, wenn man in irgendeiner Form die Kontakte in den vorherigen Beruf aufrecht erhält, und wenn man sich neben der Tätigkeit als Hausfrau berufsspezifisch weitergebildet hat. Für Frauen mit einem Universitäts- oder Fachhochschulabschluss bietet sich beispielsweise der Lehrgang „Women Back to Business“ der Universität St.Gallen an, der potenzielle Arbeitgeber und Arbeitnehmerinnen zusammenführen will. Der Studiengang wird mit dem Weiterbildungszertifikat in Management (Certificate of Advanced Studies CAS) bzw. Weiterbildungsdiplom in Management (Diploma of Advanced Studies DAS) abgeschlossen und bringt die Teilnehmerinnen auf den neusten Wissensstand in Bezug auf Managementthemen.
 
Es ist ein Paradox, dass sich Firmen nicht stärker um Wiedereinsteigerinnen bemühen – ist doch die Familienplanung abgeschlossen, sind sie hochmotiviert und in der Regel firmentreu, wie Gudrun Sander, die Programmverantwortliche von „Women Back to Business“ in der Broschüre „Mutmacherinnen“ der Universität St.Gallen festhält: „Der Schweizer Wirtschaft gehen die Fach- und Führungskräfte aus. Dennoch werden die Potenziale der Frauen bislang unzureichend genutzt.“
 
Helena von Hutten will jedenfalls nicht den gleichen Fehler machen wie die berufstätigen Mütter, die sie verurteilen, und will den Frauen keinesfalls das Hausfrauen-Dasein aufzwingen. Im Gegenteil. Diese Rolle könnten ihrer Ansicht genauso gut die Männer übernehmen. Einfacher hätten sie es allerdings keineswegs – wo doch bereits Männer, die ihr Pensum reduzieren, um sich um Kind und Haushalt kümmern, teilweise noch immer schief angeguckt werden.

www.plusplus.ch: Ein Netzwerk von regionalen Informations- und Beratungsstellen für Frauen, die oft auch Kurse für Wiedereinsteigerinnen anbieten.
www.und-online.ch: Die Fachstelle UND (Familien- und Erwerbsarbeit für Männer und Frauen) bietet Einzel- und Paarberatungen zu allen Fragen rund um die Vereinbarkeit von Beruf und Familie an.

Bildquelle: Thinkstock

 

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