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Karriere allgemein

Mehr als eine Pflichtübung

Karriere allgemein
30. November 2014
Der positive Einfluss der beruflichen Tätigkeit auf die eigene Zufriedenheit wird notorisch unterschätzt
In der Schweiz sind Erwerbstätige überdurchschnittlich zufrieden mit ihrer Arbeitssituation. Woran das liegt – und was das für Arbeitslose bedeutet.
 
Von Manuela Specker
Im Zeitalter von Erschöpfungssymptomen aller Art hat die Arbeit keinen guten Ruf, sie scheint geradezu die Wurzel aller Übel zu sein. Und noch immer ist die Überzeugung nicht aus den Köpfen mancher Ökonomen zu kriegen, wonach Menschen nur deshalb arbeiten, weil sie dafür bezahlt werden. Dabei ist Arbeit mehr als eine angemessene Entlöhnung: sie bietet Struktur, Anerkennung und sozialen Austausch. Damit trägt sie entscheidend zur psychischen Gesundheit bei. Diese Seite wird oft verkannt, wenn über die negativen Auswirkungen von Arbeit berichtet wird, beispielsweise über die Zunahme der Burnout-Fälle. Doch selbst hier zeichnet sich ein Perspektivenwechsel ab: es mehren sich Stimmen, die das Ausgebranntsein nicht einfach als direkte Folge der Arbeitsbedingungen sehen. Vielmehr spielt die persönliche Lebenssituation und die soziale Einbindung eine grosse Rolle. Die Ärztin Miriam Priess beispielsweise kommt zum Schluss, dass Menschen ausbrennen, weil sie die Beziehung zu sich und ihrer Umwelt verloren haben. Betroffene sehen den Sinn nicht mehr in dem, was sie sind, sondern nur noch in dem, was sie erreichen. Auslöser ist also nicht die Arbeit an und für sich, sondern die persönliche Konstitution.
 
Unter diesen Gesichtspunkten ist es kein Widerspruch, dass trotz des Dauerthemas Burnout und generellem Wehklagen die Arbeitszufriedenheit in der Schweiz konstant hoch zu sein scheint. Gemäss einer Untersuchung des Staatssekretariates für Wirtschaft Seco in Zusammenarbeit mit der Fachhochschule Nordwestschweiz (FHNW) sind 91 Prozent der Schweizer Erwerbstätigen „sehr zufrieden“ oder „zufrieden“ mit ihrer Arbeit. Im Vergleich mit anderen Ländern der EU fällt vor allem auf, dass die hiesigen Angestellten flexibler und selbstbestimmter arbeiten können.
 
Auch die empirisch begründete Glücksforschung hat den Wert der Beschäftigung längst erkannt: Arbeitslosigkeit ist eine der Hauptquellen für Unzufriedenheit und für die Betroffenen ähnlich dramatisch wie die Trennung vom Partner. Nicht die Arbeit, sondern vor allem die Arbeitslosigkeit beeinträchtigt also das Wohlbefinden längerfristig. Wer keine Arbeit findet, fühlt sich bald einmal nutzlos und in seinem Selbstwert herabgesetzt. Zugleich steigert sich die Angst vor unklaren Zukunftsaussichten ins Unermessliche – ein Teufelskreis. Erwerbslose sind nicht nur gestresst wegen finanzieller Einbussen, sondern auch, weil eine sinnvolle Aufgabe fehlt. Untersuchungen zeigen jedenfalls, dass Arbeitslose mit demselben monatlichen Lohn, dem gleichen Gesundheitszustand und dem gleichen Bildungsstand wie Erwerbstätige deutlich unglücklicher sind. „Aktiv beschäftigt zu sein ist glücksstiftend, und zwar über die Tatsache hinaus, dass damit auch Einkommen erzielt wird“, fasst der Ökonom und Glücksforscher Bruno S. Frey zusammen.
 
Daraus nun allerdings zu schliessen, eine feste Erwerbsarbeit sei die Grundvoraussetzung für Zufriedenheit und Arbeitslosigkeit immer eine Katastrophe für die Betroffenen, wäre vermessen. Eine solche Schwarzweiss-Malerei ist vielmehr ein weiterer Grund, warum es Menschen, die ihre Stelle verlieren, tatsächlich schlecht geht.  Der Bremer Soziologe Benedikt Rogge hat für seine Studie „Wie uns Arbeitslosigkeit unter die Haut geht“ 60 Interviews mit Kurz- und Langzeitarbeitslosen geführt. Dabei zeigte sich, dass der Umgang mit einem Jobverlust vor allem davon abhängt, wie das Umfeld darauf reagiert. „Wo Arbeitslosigkeit flächendeckend stigmatisiert oder tabuisiert wird, wächst der Druck auf die Betroffenen, was wiederum ihre psychische Gesundheit beeinträchtigt.“ Das gilt erst recht, wenn das private Umfeld kein Verständnis zeigt und beispielsweise der Partner „Beweise“ über die erfolgten Bewerbungsbemühungen einfordert.  Hingegen reduziere sich die psychische Belastung, wenn Arbeitslosigkeit als ein normaler Vorfall angeschaut werde, der jedem zustossen kann.
 
Diese Perspektive kann Arbeitnehmende zugleich davor bewahren, in eine Spirale des Reklamierens und Schimpfens über den eigenen Job zu geraten – wo doch in einer Gesellschaft, die sich über Arbeit definiert, erst das Fehlen eines Jobs in die Abwärtsspirale führt. Nach wie vor gehört gemäss dem Sorgenbarometer der Credit Suisse die Angst vor Arbeitslosigkeit zu den grössten Sorgen. Dies ungeachtet der Tatsache, dass die Schweiz mit gegenwärtig 3,1 Prozent über eine der tiefsten Arbeitslosenquoten im internationalen Vergleich verfügt.
 

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