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11. September 2016
Warum Perfektionismus im Beruf nicht erstrebenswert ist
 
Von Manuela Specker
Nichts ist ihnen gut genug. Sie wollen immer noch bessere Resultate erzielen, selten sind sie zufrieden mit sich selber. Das klingt nach vorbildlichen Mitarbeitenden, wie es sich jedes Unternehmen wünschen würde. Aber in Tat und Wahrheit richten solche Perfektionisten mehr Unheil als etwas anderes an.
 
Hohe Ansprüche und qualitativ gute Arbeit sind zwar wünschenswert. Das Problem bei Perfektionisten ist die extreme Haltung, immer und überall das Maximum abliefern zu wollen. Dieses Zwanghafte verträgt sich meist schlecht mit den Ressourcen: Wer eine Präsentation fünfzig Mal überarbeitet oder irgendwelche Kennzahlen bis ins kleinste Detail analysiert, braucht auch bedeutend mehr Zeit. Nur: Der qualitative Unterschied ist für Aussenstehende oft nicht sichtbar, der Mehrwert für das Unternehmen also gering.
 
Hinzu kommt, dass sich Perfektionisten in ihrer verbissenen Haltung, die keine Fehler zulässt, selber einschränken. Der  US-Soziologe Richard Sennett formulierte treffend in seinem Buch «Handwerk»: «Das Streben nach Perfektion lässt keinen Raum für Experimente und Abwandlungen.»  Perfektionisten sind also weder besonders innovativ noch effizient, viel zu lange halten sie sich mit Details auf. Das kann so weit gehen, dass einem Erfinder die Konkurrenz mit einem marktfähigen Produkt zuvorkommt. Leicht ist es auch passiert, dass wegen der hohen Ansprüche wichtige Entscheide aufgeschoben werden.
 
Perfektionismus ist im Beruf also eher ein Hindernis, auch für die Betroffenen selber. Denn oft ist es die Angst, nicht gut genug zu sein, die Perfektionisten antreibt. „Sie wollen vollkommen sein, weil sie Versagensangst haben. Wer sich aber dauerhaft stark unter Druck setzt, kann bald nicht mehr die volle Leistung erbringen“, so die Karriereexpertin Simone Jansen, die sich im Buch „Die 110%-Lüge“ mit dem Phänomen auseinandergesetzt hat. Der Weg zum Burn out ist für Perfektionisten nicht weit – zumal sie meistens nicht nur im Beruf, sondern auch in der Familie oder im Sport ständig Höchstleistungen erbringen wollen.
 
Um das Verhaltensmuster zu durchbrechen, ist es ratsam, Aufwand und Ertrag nie aus den Augen zu verlieren. Zeitmanagement-Experten berufen sich auf die Pareto-Regel: Diese besagt, dass mit 20 Prozent der eingesetzten Zeit eine Aufgabe zu 80 Prozent gut erledigt werden kann. „Dadurch wird Stress reduziert, der Arbeitsdruck für den Einzelnen sinkt, die Effektivität der Organisation steigt. Es werden Potenziale für Weiterentwicklung und Innovation freigesetzt, das Arbeitsklima bessert sich“, meint der Unternehmensberater Stefan Fourier, der sich auf den Umgang mit Komplexität spezialisiert hat. „Arbeiten und Leben werden dadurch nicht perfekt, aber besser.“ Und plötzlich wirken ehemalige Perfektionisten entspannt anstatt verbissen. Wer entspannt ist, hat auch eine positive Ausstrahlung. Untersuchungen haben gezeigt, dass vor allem solche Mitarbeiter, die ein positives Image haben, eher befördert werden.
 
Hilfreich ist die Erkenntnis, dass Perfektion ein Zustand ist, der gar nie erreicht werden kann. „Es bleibt immer eine statistische Fehlerquote, die nicht unterschritten werden kann. Trotz grössten Bemühens“, so Fourier. Ein Antrieb gerade für Leistungen auf höchstem Niveau, wo für Aussenstehende die Perfektion längst erreicht ist. Die Star-Pianistin Hélène Grimaud beispielsweise sagte in einem „Spiegel“-Interview, dass sie noch nie ein perfektes Konzert gegeben habe. „Es gab einige Aufführungen des d-Moll-Konzerts, Brahms, nach denen ich dachte, das Orchester und ich hätten etwas erreicht, dem ich jahrelang nahekommen wollte. Aber es wäre der Beginn des Endes, wenn ich jemals denken würde: Wow, heute war ich perfekt, besser geht es nicht.“ Die Weisheit der Künstler liege darin, zunächst die Komfortzone technischer Perfektion zu errichten - und sie dann zu riskieren und aufzugeben.

Bildquelle: Thinkstock

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