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Bewerbung / Neuorientierung

Nur keine falsche Scheu

Bewerbung / Neuorientierung
16. Juni 2013
Jobsuchende sollten sich nicht von streng formulierten Stelleninseraten abschrecken lassen.
Manche Stelleninserate lesen sich wie ein Aufruf an Alleskönner. Was Firmen damit bezwecken – und wie ein Bewerber es schafft, dass sie von ihren Idealvorstellungen abrücken.
- von Manuela Specker -
Dynamisch und jung wie ein 20-Jähriger, aber das Fachwissen eines 50-Jährigen: Diese unmögliche Kombination lässt sich aus so manchem Stelleninserat herauslesen. Wer einen Job sucht, findet in nahezu jeder Anzeige ein Argument, das gegen eine Bewerbung spricht; ein paar Jahre zu alt, fehlende Fremdsprachenkenntnisse, zu wenig einschlägige Arbeitserfahrung, mangelnde Computeranwenderkenntnisse. Doch davon sollten sich Interessenten nicht beirren lassen.

In Stellenanzeigen werden immer die Idealbesetzungen gesucht, entsprechend sind die Ansprüche übertrieben hoch formuliert. Wie bei den Arbeitszeugnissen gibt es viel Interpretationsspielraum, selbst bei harten Kriterien wie Ausbildung, Sprachkenntnissen oder Berufserfahrung.

Sven Hennige, Managing Director beim Personaldienstleister Robert Half International, weist darauf hin, dass Anforderungsprofile in Stellenanzeigen nicht in Stein gemeisselt sind. «Häufig stellen Unternehmen Kandidaten auch dann ein, wenn sie die geforderte Berufserfahrung nicht mitbringen.» Die Standardformulierung «Sie verfügen über» lässt durchaus Raum für alternative Kompetenzen. «Verhandlungssicheres Englisch» beispielsweise kann zwar nicht automatisch in Anspruch nehmen, wer die Sprache fliessend beherrscht. Doch wissen auch die Arbeitgeber, dass entsprechende Fachausdrücke, die Verhandlungssicherheit garantieren, in absehbarer Zeit erlernt werden können.

«Wer in seinen Unterlagen erkennen lässt, dass er sich schnell und unkompliziert in die Unternehmenskultur eingliedert, oder aber vergleichbare Qualifikationen nachweist, kann Firmen dazu bringen, von ihrem ursprünglichen Profil abzurücken», so Sven Hennige. Das heisst natürlich nicht, dass Jobsuchende sich auf alles nur Denkbare bewerben sollen. Grundvoraussetzung ist, sich ausreichend für den Job qualifiziert zu fühlen. Denn Bewerber müssen wissen, weshalb Firmen in den Stelleninseraten oft so übertrieben hohe Anforderungen stellen. Sie möchten vermeiden, mit Bewerbungen überflutet zu werden, die nicht den Hauch einer Chance haben. Beide Parteien ersparen sich damit viel Aufwand und Kosten; deshalb auch setzen immer mehr Unternehmen auf standardisierte Online-Bewerbungen.
Die ambitiös formulierten Stelleninserate sind letztlich auch ein Abbild des Kalküls, dass sich nur die Besten bewerben sollen. Entsprechend versuchen die Firmen, sich auf kleinstem Raum im besten Licht zu präsentieren. Allerdings gelingt das bei weitem nicht immer. Unter «Wir bieten» ist von einer «abwechslungsreichen Tätigkeit» zu lesen, von einem «dynamischen Umfeld» oder von «zeitgemässen Anstellungsbedingungen». Das alles sind Dinge, die eigentlich vorausgesetzt werden können, will man qualifizierte Leute länger als die Probezeit im Betrieb halten.

So manch ein Bewerber, der in seinem Schreiben die gleiche Einfallslosigkeit an den Tag legen würde, erhielte postwendend eine Absage. Hinzu kommt, dass nicht immer gehalten wird, was versprochen wird. Eine Umfrage der europäischen Jobbörse StepStone unter knapp 9000 Jobsuchenden zeigte, dass nur 15 Prozent der Befragten jene Bedingungen am Arbeitsplatz angetroffen haben, von denen im Stelleninserat die Rede war.

Allein deshalb sind Bewerber gut beraten, wenn sie sich von Stelleninseraten zum einen nicht abschrecken lassen und zum anderen die Rubrik «Wir bieten» kritisch hinterfragen. Es hinterlässt auch im Vorstellungsgespräch einen guten Eindruck, nicht als Bittsteller aufzutreten, sondern als Angestellter, der einiges zu bieten hat. Etwas, das nicht genug betont werden kann: Das Anschreiben muss sich gezielt auf die wichtigsten Punkte der Stellenbeschreibung beziehen. Dasselbe gilt für den Lebenslauf. Wie eine Untersuchung des Personaldienstleisters Robert Half ergeben hat, werden die Lebensläufe in der Schweiz mit durchschnittlich knapp 15 Minuten pro Kandidat besonders genau unter die Lupe genommen – allerdings nur, wenn der Lebenslauf gezielt der Stellenausschreibung angepasst ist. «Jene, die offensichtlich einmalig erstellt und dann für mehrere Stellenangebote genutzt werden, fallen auf und werden nicht selten direkt zur Seite gelegt», so Hennige.

Teamfähig, kommunikationsfähig und durchsetzungsstark zu sein, kann jeder behaupten. Was zählt, sind die Beweise; etwa ein Projekt erfolgreich zum Abschluss gebracht zu haben. Solche Fakten zu erwähnen, ist allemal besser, als das Qualifikationsprofil aus der Stellenanzeige nachzubeten.

(Photo: HO)

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